Anne Bax: Die Herbstläuferin

Leseprobe


Der Anfang des Romans

Eins

 

 

 

Una wischte die Staubschicht vom matten Bildschirm, tippte hastig die Zahlenkombination in das alte Keypad und wartete ungeduldig. Wenn sie sich umdrehte, konnte sie im fahlen Licht der Notfallbeleuchtung ihre Schritte, die einsam über den staubbedeckten Boden der leeren Kuppel führten, gut erkennen. Sie schaute vom Boden hinauf zur gewölbten Decke. Der dunkle, hohe Raum hatte etwas Erhebendes, das den aktiven Lagerkuppeln fehlte. Früher hatten hier sicher auch in großen Regalen und Containern dicht an dicht Nahrungsmittel oder Stoffe und Holz gelagert, was genau, wusste Una nicht, denn diese Zeiten waren lange vorbei. Die Container und Regale waren vor Jahrzehnten recycelt worden oder sie beherbergten jetzt Güter in einer anderen Kuppel. Sie nicht zu nutzen war in Firmament undenkbar, dafür waren ihre Ressourcen viel zu knapp. Die Kuppel selber aber wurde ignoriert.

 

 

 

Sie war da und gleichzeitig nicht da.

 

 

 

Die Filter arbeiten nicht mehr gut genug, dachte Una. Auf der einen Seite war das beruhigend, weil die unberührte Staubschicht zeigte, dass niemand die stillgelegte Kuppel betreten hatte, auf der anderen Seite war es gefährlich, denn wenn es jemand tat, war die alte Schleuse, die versteckt hinter einem abgeteilten Betriebsraum lag, durch ihre Spuren im Staub leicht zu finden.

 

 

 

Wer sollte in eine stillgelegte Kuppel kommen? Una schüttelte, ohne es zu bemerken, den Kopf. Die Leere und die Weite zu fürchten war ihnen allen in die Wiege gelegt oder, wie Una es zunehmend empfand, geschrien worden.

 

 

 

Draußen war der Tod. Draußen war der Tod. Draußen war der Tod.

 

 

 

Darüber wurde gesprochen, geflüstert, gesungen und gedichtet. Nicht in anrührende Reime gefasst wurde die Tatsache, dass sie langsam, aber sicher immer weniger Platz brauchten, weil die Zahl der Bewohner stetig sank. Seit ungezählten Jahren hatte kein Paar mehr als ein Kind bekommen, Kansa wurden missgebildet geboren oder starben im Kindesalter. Wann das angefangen hatte, wusste keiner, denn natürlich wurde auch hierüber nie gesprochen.

 

 

 

Das Schwinden war da und es war nicht da.

 

 

 

Diese hier, eine reine Vorratskuppel, war eine der ersten stillgelegten gewesen, und hatte lange vor Unas Geburt ihren Sinn verloren. Wie bei den beiden anderen überflüssigen Kuppeln taten alle so, als ob sie nicht mehr existierte. Kinder, die übermütig durch die Gänge streiften, ignorierten die großen leeren Räume und betraten sie nie, obwohl Una für sich beschlossen hatte, dass sie großartige Spielplätze abgaben. Sie wusste aber, dass niemand in Firmament ihre Meinung teilte und behielt sie für sich.

 

 

 

Es ist wichtiger, worüber wir schweigen.

 

 

 

Ich muss trotzdem die Sauger laufen lassen und die Filter austauschen, damit ich in Ruhe hier sein kann, dachte Una und fühlte, wie die Unruhe in ihr sofort stärker wurde.

 

 

 

Ob ich nach der nächsten Sturmzeit noch irgendwo in Ruhe hingehen kann?

 

 

 

Auch wenn sie sich gerade erst bestätigt hatte, dass hier niemand unterwegs war, wartete sie ungeduldig auf das leise Zischen, mit dem sich die Tür in den Schleusenraum öffnen würde, und sah sich nervös um. Es wäre Hagen zuzutrauen, dass er ihr auch mitten in der Nacht hinterherschlich. Hagen. Die Wut darüber, wie sehr er sie zunehmend als seinen Besitz betrachtete und behandelte, hatte sie heute Nacht nach langer Zeit wieder auf diese Idee gebracht.

 

Ich muss raus!

 

Das kleine Licht über den kaum noch lesbaren Zahlen leuchtete endlich auf und blinkte einen langen Augenblick rot, bevor es grün wurde und die Tür den Blick in den unbeleuchteten winzigen Raum dahinter freigab. Una huschte hinein und sah zu, wie die Tür sich hinter ihr verschloss. Der feine goldene Strich, der sorgfältig von ihrer Nase quer über ihre Wange zu ihrem Ohr tätowiert war, prickelte leicht, während er mit dem elektronischen Schutzschild um die Kuppeln kommunizierte. Bei ihrem ersten Besuch hier hatte sie diese Empfindung erschreckt, denn auch wenn der Strich dafür gedacht war, wurde er schon ewig von niemandem mehr dafür benutzt. Er war ein Relikt aus einer anderen Zeit, eine sichtbare Ermahnung und eingestochene Versicherung.

 

Wer immer die alte Schleuse modifiziert hatte, hatte dafür gesorgt, dass diese Kommunikation ihr zwar den Durchgang erlaubte, aber weder die Zentrale erreichte, noch registriert wurde. Das Prickeln ihrer goldenen Zeichnung ließ nach und vor ihr öffnete sich die Luke. Sie bückte sich, kroch hindurch und die Öffnung schloss sich sofort hinter ihr. Einen Moment blieb sie in der Hocke und legte die Hand auf das abgedeckte Keypad neben dem kleinen Eingang. Bei ihren ersten Solo-Ausflügen hatte sie mit Herzrasen hier vor der Schleuse gehockt und sich nicht weiter hinausgetraut, aus Angst, die Luke würde sich nicht mehr öffnen oder sie würde den Weg zurück nicht mehr finden. Es war wie ein schrecklicher Rausch gewesen, den Wind zu spüren, den weiten Himmel und den glitzernden Sternenteppich über sich zu sehen und zu wissen, dass man die einzige Kansa außerhalb der Kuppeln war. Die Dunkelheit war in mondlosen Nächten wie ein eigener flüssiger Raum gewesen, der sie mit seiner endlosen Schwärze umhüllt hatte.

 

Mit den Jahren war sie mutiger geworden. Mut. Sie musste über sich selber lächeln.

 

Wenn ich mutig wäre, würde ich mich Hagen entgegenstellen.

 

Sie richtete sich auf und der Wind fuhr ihr sofort durch die langen, hellen Haare und verwirbelte sie vor ihrem Gesicht. Sie zwängte die wehenden Strähnen unter ihre dunkle Kapuze und kramte in der Tasche ihres Overalls nach dem Stab. Erst hier draußen hatte sie begriffen, wie gut eine Kapuze die Ohren vor dem Wind schützte. In den Kuppeln dienten sie nur dazu, den Getreidestaub beim Ernten aus den Haaren fernzuhalten.

 

Von hier draußen war der Eingang zur alten Schleuse schlecht zu sehen und Una legte einen kleinen Leuchtstab neben die Öffnung, um sicher zu sein, die Schleuse im Ernstfall schnell zu finden. Die Sonne würde noch lange nicht aufgehen und wenn, dann würde sie am frühen Morgen an einem trüben Himmel wenig Helligkeit spenden. Oder vielleicht würde es sofort strahlend hell sein, Una hatte noch nie einen Sonnenaufgang gesehen, sie hatte noch nie gewagt, über Tag hinauszuschleichen, und ihre Vorstellung davon, wie das Veld im Sonnenlicht aussehen würde, wechselte.

 

Sechs Stunden würde der Stab grünlich leuchten. Sie aktivierte einen Countdown auf ihrer Uhr, bevor sie den Mundschutz hochzog, den Sitz der Wasserflasche und der Pistole in ihren Halftern überprüfte und sich auf den Weg machte.

 

Freiheit.

 

Im Licht des vollen Mondes hatte sie nach nicht einmal zwanzig Minuten den Rand der Ebene erreicht und fand den kleinen natürlichen Pfad zwischen den dichten Büschen. Die Hügelkette am Rand war steiler, als sie sie aus der letzten sturmfreien Zeit vor sechs Monaten in Erinnerung hatte. Auf der Spitze angekommen, zog sie den Mundschutz herab, keuchte laut und blickte zurück. Ganz in der Ferne loderte einsam die winzige Flamme, die das träge nachströmende Grubengas der stillgelegten Mine abfackelte.

 

Eine kleine, vergessene Kerze in einer großen Dunkelheit.

 

Ihr Herz schlug schnell unter dem alten dunkelgrauen Overall, der sie zu einem Teil der Nacht machte. Ich bin zu alt für diese Abenteuer, dachte sie und musste über sich selber schmunzeln.

 

»Das ist etwas für junge Kansa, die erst 19 Sturmzeiten erlebt haben«, sagte sie laut in die Nacht hinaus und der Wind zerstreute ihren Satz zwischen den Sträuchern und den Steinen. Die letzte Sturmzeit war ihre Zwanzigste gewesen. Wenn in wenigen Wochen die nächste Sturmzeit anbrach, würde sie sich entscheiden müssen.

 

Als ob ich eine Wahl hätte.

 

 

 

Una schüttelte den unangenehmen Gedanken ab und atmete tief ein. Sie liebte es, sich außerhalb der Kuppeln zu bewegen. Sie liebte den Blick auf die Welt, die niemand außer ihr sehen konnte. Bei ihren ersten Ausflügen hatte sie jede neue Empfindung verwirrt und manchmal erschüttert. Es gab so viel, mit dem sie nicht gerechnet hatte, so viel, über das sie nichts wusste. Die Weite, die kein Ende nahm, der Wind, der fühlbar über ihre Haut fuhr ...

 


einige Tage später

... Bis sich die kleine Schleuse hinter ihr geschlossen hatte, war ihr der Ausflug noch einigermaßen sinnvoll vorgekommen, draußen in der Dunkelheit überkam sie erneut Panik. Die Schatten der Sträucher und Bäume tanzten im Mondlicht vom Wind angestiftet drohend umher. Die Hügelkette ragte mit scharfen Felsenzacken drohend in den Himmel. Una fühlte ihren Mund trocken werden, die Wunden an den Beinen schmerzten und ihre Hände zitterten. Sie blieb stehen und atmete tief ein. Du könntest jetzt im Bett liegen und deine größte Sorge wären die Bohnen, der Brei und der aufdringlich fortpflanzungswillige Verwaltungsnachwuchs.

 

Ich würde mich ewig fragen, ob ich mir den Hilfeschrei nur eingebildet habe.

 

Jetzt ist es schon ein Hilfeschrei? Du hast ein Geräusch gehört, als du in Panik geflohen bist. Una schlug sich mit den Händen auf beide Ohren, als könne das ihr Selbstgespräch beenden. War das ein Zeichen von Wahnsinn, wenn man mit sich selber diskutierte? Der Gedanke beschäftigte sie genug, um sie zu beruhigen. »Es ist definitiv ein Zeichen von Wahnsinn, dass ich hier draußen sitze«, sagte sie laut. Niemand in ihrem Kopf widersprach und so schlich sie in der Dunkelheit in Richtung Hügelkette.

 

 

 

Es war wichtig, dass sie dieses Mal nicht von Weitem gesehen werden konnte, das war ihr klar, als sie abseits ihres üblichen Weges vorsichtig zwischen einem dichteren Gebüsch über die Hügelkette kroch. Der Mond war hinter Wolken verschwunden und im Veld unter ihr war es dunkel und still. Niemand schrie, kein Licht war zu sehen, nichts bewegte sich außer den dichten Büschen. Was hatte sie erwartet? Dass sie von hier oben sehen konnte, ob da unten ein Mensch lag? Sie rutschte vorsichtig zwischen den Büschen ein Stück hinab und behielt die Stelle unten fest im Blick. Ohne die Taschenlampe war es so dunkel, dass sie wusste, sie musste weit über ihren Platz auf dem Hügel hinausgehen, um etwas erkennen zu können.

 

Das hast du doch die ganze Zeit gewusst, rief sie sich innerlich zur Ruhe.

 

Ihr rechter Fuß verlor seinen Halt und sie rutschte ein Stück den Hügel hinab, bevor sie sich fangen konnte. Mit ihr rutschten kleine Steine und jede Menge Sand. Sie fluchte leise. Wer da unten lag, musste blind, taub oder tot sein, wenn er ihre Ankunft verpassen wollte. Einen Moment verharrte sie dicht am Boden und wartete. Nichts bewegte sich, niemand erhob sich aus dem Unterholz. Ihre Augen hatten sich so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie im kargen Licht des Mondes das Gebüsch sehen konnte, aus der sich die Gestalt erhoben hatte. Oder war es das daneben gewesen? Sie schlich gebückt näher und ihr Herz schlug heftiger, je mehr sie sich dem flachen Veld näherte. Warum tust du das, fragte eine Stimme, die die Reste ihrer Vernunft repräsentierte, über den dröhnenden Herzschlag hinweg. Du riskierst dein Leben. Ihre Hand berührte die ersten Zweige und sie schob sie zur Seite. Nichts. Sie erhob sich und wollte erleichtert ausatmen, als sie die schmale Gestalt am Rande einer kleinen Hecke ein paar Schritte weiter zu ihrer Linken liegen sah. Ein Mensch, eindeutig. Una fürchtete, das Bewusstsein zu verlieren, so heftig schoss ihr das Blut in den Kopf und rauschte in ihren Ohren.

 

Was jetzt?

 

Die Gestalt lag reglos und so, wie die Arme und Beine seltsam abgespreizt waren, sah es aus, als ob sie in diese Position gefallen war. Una richtete ihre entsicherte Pistole auf die Mitte der Gestalt, ging einen weiteren Schritt nach vorn und lauschte.

 

Keine Bewegung, kein Geräusch, außer dem Flüstern der Äste und Blätter.

 

Sie konnte jetzt sehen, dass die große, schlanke Gestalt einen dunklen Overall mit vielen Taschen trug, der ihrem nicht unähnlich war.

 

Große Kuppel der Mitte, es ist ein Kansa, ein wagemutiger junger Mann aus Firmament, der wie sie einen Ausgang kannte. Sie ließ die Taschenlampe aufflammen und der Lichtstrahl fuhr den Anzug hinauf bis zum Gesicht, das unter einer Kapuze von ihr abgewandt lag. Habe ich ihn getötet? Ihr Blut raste durch den Körper und machte es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich muss feststellen, ob er noch lebt, dachte sie und kniete sich so, dass sie mit der Hand an eine unbedeckte Stelle des Halses fassen konnte. Als ihre Finger nach einem Puls tasteten, stöhnte die Gestalt auf und versuchte sich aufzurichten. Una sprang mit gezogener Pistole auf.

 

»Hilfe«, flüsterte die Gestalt kaum hörbar mit trockener, brüchiger Stimme.

 

»Wer du auch bist, bitte hilf mir, ich bin verletzt. Etwas hat mich getroffen.«

 

Dann sank er zurück und schien wieder das Bewusstsein zu verlieren.

 

 

 

Irgendetwas in Una zwang sie zu einer Ruhe, von der sie überrascht war, dass sie sie besaß. Er spricht, also kann er kein Drache sein, er liegt hier allein und hilflos seit gestern Nacht, wenn du jetzt nichts unternimmst, wird er sterben. Der letzte Gedanke sorgte dafür, dass sie handelte. Sie nahm die Taschenlampe in den Mund und leuchtete seinen Körper entlang, während sie ihn vorsichtig auf den Rücken drehte. Die obere, rechte Seite des Anzugs war blutdurchtränkt und der Ärmel aufgerissen. Er stöhnte leicht auf, wehrte sich aber nicht. Seine Kapuze war dicht um sein Gesicht zugebunden und vor dem Mund trug er einen Schutz gegen den Sand, der ihm verkrustet am Gesicht festklebte. Ich muss ihm zuerst zu trinken geben, dachte Una. Sie öffnete ihre Wasserflasche, löste vorsichtig den Mundschutz von seinem Gesicht und hielt die Flasche an seine Lippen. Als die ersten Tropfen seinen Mund berührten, öffnete er ihn einen Spaltbreit und sie ließ das Wasser vorsichtig in seine Kehle laufen. Er hustete kurz und schluckte dann begierig, ohne richtig das Bewusstsein zu erlangen. Während er trank untersuchte sie die blutige Stelle an seiner rechten Schulter. Ich muss den Anzug öffnen und sehen, wo ich ihn getroffen habe, dachte sie, tastete unter seinem Kinn nach dem Reißverschluss und zog ihn vorsichtig bis zum Bauch hinunter. Das einfache graue Hemd darunter klebte blutig am Körper und sie schob den Anzug vorsichtig auseinander, um die Wunde sehen zu können. Der Oberkörper war unverletzt, sie schien ihn wirklich direkt am Arm getroffen zu haben.

 

 

 

Ihn?

 

© Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Anne Bax, Die Herbstläuferin S. 1 bis 11 und S. 43 bis 47