Regina Nössler: Die Puzhilfe

Leseprobe


aus Kapitel 11, Tag einundsiebzig

[...]

Am U-Bahnhof Neukölln sah Franziska inmitten des Gewühls das verwahrloste Mädchen. Erst Frau Mangolds Nichte und jetzt schon wieder diese Göre. Sie musste hier irgendwo in der Gegend wohnen. Wenn sie andere Kleidung getragen hätte und vor allem zwanzig Jahre älter gewesen wäre, hätte Franziska geglaubt, sie verfolge sie. Weil er sie schon längst aufgespürt hatte. Trotz ihrer Vorsicht in den letzten Wochen.
Sie war nur ein Teenager. Ein verhaltensauffälliger zwar, aber trotzdem nur ein Teenager. Franziska beschloss, sie nicht zu beachten, sie künftig nie mehr zu beachten, selbst dann nicht, wenn sie sie mehrmals am Tag treffen sollte. Sie stellte sich das Essen und den Wein vor. In den letzten drei Monaten hatte sie fast keinen Alkohol getrunken, was erklärte, warum ihr der Barolo bei Frau Mangold letzte Woche so zu Kopf gestiegen war. Bei ihrer bescheidenen Kücheneinrichtung hatte sie es nicht für nötig befunden, billige Weingläser zu kaufen. In ihrem Parterreloch spielte es keine Rolle, Merlot für 3.49 Euro nicht stilvoll zu trinken, zumal sie ja auch keinen Besuch erwartete. Sie würde dort niemals Besuch empfangen.
In Gedanken verloren setzte sie einen Fuß vor den anderen, ohne näher auf ihre Umgebung zu achten, vielleicht sollte sie doch wieder joggen gehen, sie vermisste das Laufen, Radtouren im Münsterland, physische, mehr aber noch geistige Verausgabung. Das Mädchen hatte sie bereits vergessen, als es ihr plötzlich auf dem Gehweg entgegenkam. Sie war es, kein Zweifel. Wieso kam sie aus der anderen Richtung? Wie war das möglich? Vorhin war sie doch noch am U-Bahnhof gewesen. Franziska stellte sich auf ein erneutes diabolisches Grinsen ein. Arglos spielte sie sogar mit dem Gedanken, Hallo zu sagen, schließlich kannten sie sich ja irgendwie.
Sie blieb so lange arglos, bis das Mädchen sie in einen unbeleuchteten Hauseingang stieß. Die Attacke kam so überraschend und schnell, dass Franziska das Gleichgewicht verlor und auf dem Boden landete. Genau auf den Resten einer zerbrochenen Bierflasche.
Im ersten Moment tat es gar nicht weh, und aus diesem Grund fragte Franziska sich, ob das gerade wirklich passiert war. Dann spürte sie klebriges Blut auf ihrer Handfläche. Sie hatte es noch nicht richtig begriffen, ihr Verstand, sonst doch so scharf, hinkte hinterher, aber etwas, vielleicht ein Urinstinkt, riet ihr, sofort aufzustehen. Der schwere Rucksack mit den Einkäufen behinderte sie. Sie versuchte, sich aufzustützen, und ein höllischer Schmerz schoss in ihre Hand.
Sie drehte den Kopf. Gerade noch rechtzeitig, um den schwarzen Stiefel auf sich zukommen zu sehen. Das Leder an der Spitze war abgewetzt. Dieses kleine Detail sah sie trotz des schlechten Lichts ganz deutlich, bevor der Stiefel sie in die Seite traf, so fest, dass ihr die Luft wegblieb.
Für einen Augenblick befand sie sich nicht mehr in einem schmutzigen Neuköllner Hauseingang. Für einen Augenblick lag sie auf den sauberen Fliesen in der Küche des Hauses in Senden. Kein Wunder, dass sie sauber waren, sie hatte sie selbst mit dem Schrubber gewischt. Schachbrettmuster, darauf hatte Johannes bestanden. Schwarz und weiß. Blut auf einem der weißen Fliesenquadrate. Im Hintergrund lief Bach. Wie unpassend. Der Schmerz bahnte sich seinen Weg aus ihrem Mund, gequälte Wimmerlaute. Das klang gar nicht so wie sie. Das klang ganz fremd. Was waren das für schwarze Stiefel? Johannes trug keine Stiefel. Schon gar keine abgewetzten. Und dann dachte sie: Das passiert mir jetzt nicht wirklich. Ich habe doch nicht alles aufgegeben, was mir von Bedeutung ist, mein ganzes Leben zurückgelassen, meinen Beruf, meine Karriere, bin in diese verfluchte Stadt gekommen, um in einem finsteren Hauseingang von einer durchgedrehten Jugendlichen zusammengetreten zu werden. Nur rund fünfhundert Meter weiter und Franziska wäre in ihre Höhle geschlüpft. In Sicherheit. Um Hilfe rufen, dachte sie auch noch, ich muss mich bemerkbar machen.
Und dann? Wenn sie um Hilfe rief und Glück hätte, weil irgendwer, dem nicht gleichgültig war, was draußen vor sich ging, die Polizei holte? Und wenn die Polizei dann käme und sie ihre Personalien nennen müsste, um die gestörte Göre anzuzeigen? Die Polizisten würden schnell feststellen, dass sie offiziell gar nicht dort wohnte, wo sie untergekrochen war, und dass mit ihr etwas nicht stimmte.
Sie sah zu dem Mädchen auf. Ein Reflex ließ sie den Kopf mit dem Arm schützen, falls der Stiefel ein weiteres Mal zutrat. Doch die Stiefel bewegten sich nicht, das Mädchen stand ganz ruhig da. Sie hielt etwas in der Hand. Dass es sich um ein Springmesser handelte, erkannte Franziska erst, als das Mädchen den Mechanismus auslöste und die Klinge herausschoss.