Anne Bax: Kochen und Küssen

Leseprobe


Warum man Spaghetti einfach mögen muss

Man erwacht aus einem grauen Nichts, das irgendwo zwischen Vollnarkose und Wachkoma liegt, und weiß nicht genau, wer man ist und was einen ins Leben zurückgerufen hat.

 

Irgendwie schiebt man unter beträchtlichen Mühen ein Augenlid auf eine brauchbare Höhe. Dort rastet man es schmerzvoll ein und blickt der Sonne, die hinter einem schlecht zugezogenen Vorhang auf diesen Moment gewartet hat, ins Gesicht.

 

Das helle Lächeln der Sonne wirkt nur so lange freundlich, bis man es wagt, auch die andere Pupille freizulegen. Dann verwandelt es sich blitzschnell in ein hämisches Grinsen, aus dem zwei gleißende Stahl- schwerter sich durch die Augen mitten ins Gehirn bohren. Man stößt, ohne es zu wollen, einen Tierlaut aus und sackt zusammen.

 

Es ist schon lange nicht mehr Morgen, hat man jetzt begriffen, dann liegt man wieder mit tränenden Augen still.

 

Was ist nur passiert?

 

Die Zunge tastet vorsichtig im eigenen Mund herum, der sich an- fühlt, als wäre er mit frischem Hamsterfell ausgekleidet.

 

Das ist nicht gut.

 

Man überlegt unglücklich, warum die Sonne so gemein sein muss, fragt sich, ob der Hamster ohne Fell jetzt friert und wie man verdammt noch mal in diese Situation gekommen ist.

 

Mittlerweile haben sich einzelne Gehirnzellen aus der mächtigen

 

Cocktailwelle, die mit lautem Brüllen durchs Gehirn schwappt, gerettet und Teile der eigenen Biografie kehren reumütig in der Reihenfolge Mensch, Frau, Lesbe, Single ins Bewusstsein zurück. Interessant. Nur die Erinnerung an den gestrigen Abend bleibt am Grunde eines trüben Tümpels im Frontallappen liegen.

 

Man sinkt kurz willig zurück in einen Dämmerzustand und dreht sich am Rande leichter Übelkeit zusammen mit der Erde um die grelle, böse Sonne.

 

Und dann bewegt sich plötzlich der unförmige Hügel auf der anderen Bettseite, den man bis jetzt für die Bügelwäsche gehalten hatte, und seufzt. Da man sich mittlerweile wieder einigermaßen sicher ist, dass Bügelwäsche nicht seufzen kann und der Hügel für einen gehäuteten Hamster zu groß ist, wird einem schlagartig bewusst, dass man nicht allein ist.

 

In einer möglichst natürlichen Schlafbewegung ertastet man den eigenen Bekleidungszustand und die klebrige Nacktheit lässt nur zwei Schlüsse zu. Entweder (was unwahrscheinlich ist) ist man frisch einem riesigen Ei entschlüpft oder (was wesentlich wahrscheinlicher ist) man wurde frisch gevögelt.

 

Der Deckenhügel streckt sich und lässt ein nacktes Bein sehen, das einem nicht bekannt vorkommt. Das eigene Gehirn schiebt verzweifelt Erinnerungsbruchstücke wie Mosaiksteine hin und her, um ein klares Bild zu erhalten. Kneipe, Cocktails, Cocktails, Cocktails, Wodka, Caipirinha, Karaoke, Duett … o mein Gott. Hatte man wirklich alle Strophen von „My Heart will go on“ mit einer der Teilnehmerinnen eines Junggesellinnenabschieds in ein Mikrofon gebrüllt? Und dann später noch einmal mit der zukünftigen Braut?

 

Was man auch versucht, es lässt sich kein Puzzleteilchen finden, das sicher zeigt, welche der beiden gesanglich gleich unterbegabten Heterofrauen einem beim Abschied gezeigt hatte, dass sie ihre Zunge ansonsten erstaunlich zielgerichtet bewegen konnte. Und ihre Hände. Und ihre Hüften. Man fühlt ergeben den Schmerz einiger leichter blauer Flecken am Hintern.

 

Das Gedächtnis lässt sich davon angeregt netterweise zu einer leicht pornografischen Diashow hinreißen und man sieht die unwillkürlich stoßenden Hüftbewegungen der unbekannten Fremden, die einen immer wieder gegen den Heizkörper gedrängt hatten. Und dann? Diashow: Klick. Schneller Orgasmus. Klick. Taxi. Klick. Heimlicher Orgasmus. Klick. Küche. Klick. Mühsamer Orgasmus. Klick. Bett. Klick. Gemeinsamer Orgasmus. Klick. 69. Klick. Multipler Orgasmus. Klick. Nichts.

 

Aus dem Deckenhügel kriecht ein Nest zerwühlter blonder Strähnen hervor und stöhnt. Man schaut in ein fremdes Auge, hinter dem ein fremdes Gehirn den gleichen Auferstehungsprozess durchlebt. Strecken. Stöhnen. Tasten. Und dann fallen auch auf der anderen Seite die Mosaiksteinchen an den richtigen Platz und die zukünftige Braut, denn natürlich ist sie es, schießt wie eine menschliche Flipperkugel aus dem Bett und irrt eine Weile in der fremden Wohnung herum, bevor sie das Bad findet. Dann kehrt die nackte Fremde zurück, rafft ihre Klei- dung mit eisigem Schweigen zusammen und man nimmt sich still ein paar Dinge vor, die man in Zukunft anders machen will.

 

„Ich bin nicht so“, sind ihre Abschiedsworte und man kann jetzt sicher sein, dass die gestrige Einladung zur Hochzeit ihre Gültigkeit verloren hat.

 

Ohne ihr zu widersprechen schläft man ein und isst am späten Abend eine große Portion Spaghetti, weil man bei denen vor dem Kochen auch überhaupt nicht sehen kann, wie willig sie sich um die Gabel wickeln, wenn sie erst einmal richtig nass sind.

 

Straight until wet, denkt man fröhlich und beschließt nach zwei Kopfschmerztabletten nie wieder mehr als einen Cocktail zu trinken, aber trotzdem zu der Hochzeit zu gehen.

 

Immerhin gab es da doch auch noch Brautjungfern.

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke