Annette Berr: Ein Wimpernschlag, der Fallbeil ist

Leseproben


Des Pfarrers Fische

Es lebten dort im Kugelglas

ein goldner Fisch, samt schwarzem Bruder.

Sie liebten sich inzestuös.

Der Pfarrer wurde schrecklich bös

und zischt: Wart bloß. Du Luder!

Wen meint er nur?

Wen meint er nur?

Es sind doch zwei im Kugelglas,

doch welcher macht den Pfarrer blass?

 

Der Goldne ruft: Wie ist mir bang!

Der Schwarze: Ach, - wie bös er klang.

 

Von nun an zogen ihre Kreise,

sie recht verschämt durchs Kugelglas,

und pscht - sie trieben es ganz leise

und hatten nur GANZ WENIG SPASS...

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke


Herbsttag in Hamburg

Ich lausche gerne auf den Regen,

deine Brüste, die bewegen

sich im Wind.

Ich leg mich auf die weiche Fülle

deiner reichgefüllten Hülle

wie ein Kind.

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke


Schranktango

Ich bin krank vor Sehnsucht nach dir,

sag mir, Schrank, was fehlt mir?

Ich hab Kleider, Schuhe, Hosen und Krawatten,

Pullover, Büstenhalter, Lidschatten.

Ich hab alles da, um vor die Tür zu gehen,

alles da, um gut auszusehn,

doch ich will nicht mehr raus,

bleibe lieber Zuhaus,

vor dem Fernseher im Negligé,

mein Rendezvous der Sehnsucht

bist du.

 

Ich bin wirr vor Sehnsucht nach dir,

sag, Geschirr, was fehlt mir?

Ich hab Töpfe, Teller, Gabeln, Kasserolle,

Gläser, Tüten, Büchsen, leere, volle,

ich hab alles da für ein Festbankett,

alles da, für’s Frühstück im Bett,

aber nichts schmeckt mir,

denn du bist nicht mehr hier,

ich bleib da, putz‘ mein Bad im Negligé,

mein Rendezvous der Sehnsucht

bist du.

 

Ich seh rot, denn ich seh dich nicht mehr,

ein Pfund Schrot jag ich dir hinterher,

ich hab Pfeile, Degen, Dolche, Macheten,

Kalaschnikoffs, Musketen.

Ich hab alles da, um vor die Tür zu gehen,

jeden Grund, statt schwarz rot zu sehn,

und jetzt nehm ich den Fön,

denn jetzt mach ich mich schön,

schwer bewaffnet im Negligé,

mein Rendezvous zum Abschied

bist du.

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke


Die kleine Gräte

(Liebeskummer im Wasser)

 

Eine kleine Gräte

liebte einen Fisch.

Ach, wenn er sie nur bäte,

ging sie mit ihm zu Tisch,

tralala.

 

Grad gestern erst, war abends,

lud er sich bei ihr ein.

Sie kochte ihm was Warmes

und kleidete sich fein.

TRALALA!

 

Der Fisch ließ auf sich warten,

der zweite Stuhl bleibt leer,

sie hört, er wär gebraten,

da weint die Gräte sehr:

Aouhaouwah.

 

Der Fisch jedoch, der Rüpel,

der schwamm ganz frisch ins Meer,

und steckte seinen Schniepel

in jeden netten Stör.

Hah!

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke


Schnecken

Wenn drei Schnecken

sich belecken,

merken sie vielleicht nach Stunden

(oder erst nach zwei, drei Runden):

Eine ist zuviel.

 

Wenn fünf Schnecken

sich belecken,

denken sie oft hinterher,

dass es mit dreien netter wär.

 

Ich mags eigentlich nur zu zweit:

Die Tür mach auf, das Tor mach weit.

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke