Leseproben aus "Dichte Nähe"

aus dem Kapitel "Fundstorys":

 

Wenn du auf der B10 an der großen Werbefläche eines Industriegebäudes vorbeifährst und liest was von: Umweltfreundlichen Transportlösungen, und dein dichterlicher Kopf nimmt das persönlich und fraulich auch:

Umweltschonende
Transportlösung

Du trägst mich
ab jetzt einfach
auf Händen!?

 

Wenn du auf der Schnellstraße hinter einer völlig verrosteten Stoßstange herfährst und die bestaunst, und aus dem Staunen kommen nachher so prächtige Wörter heraus:

Bewunderung

Der weiße Kastenwagen,
der vor mir fährt – Moderne
Heiz- und San. Anlagen –
lange nicht mehr eine
so verrostete Stoßstange
gesehen! Dieselschwarz
bewölkt und von braunen
Beulen, Blattern entstellt,
eine solche Pracht hinten
locker angebracht, dass
ich … blühender Barock!
hab ich laut bewundernd
da gedacht.

Ein sprachliches Gedächtnis ist was Praktisches für Schreibende, die Sätze werden wörtlich aufgenommen, speichern sich von selber. Kein fleißiges Mitschreiben nötig. Im ICE mal auf einer Fahrt nach Frankfurt, zur Buchmesse glaub ich, hörte sich das so an:

 

Zehn Minuten vor Frankfurt
Großraum, ICE

Orangen haben eine dicke Schale
sagt der Mann hinter mir zu seiner
… nein, das glaube ich nicht, eine
Frau weiter vorn – KOTZBÄUCHEL
steht draußen groß an einem Haus  
mein Gott und das tropft! der Mann
mit der Orange, so viel Saft! und laut
lacht die Frau weiter vorn, da ist ja
noch ein Apfel, dann haben wir Ruhe
der Mann hinter mir, die Müllklappe
klappt, so geht einem das, die Tüte
geknautscht, die Müllklappe klappt
na, das werden wir schon schaffen
auf jeden Fall ziehen wir uns schon
mal an! der Mann hinter mir zu seiner
Frau, gut zehn Minuten vor Frankfurt.

 

 

aus dem Kapitel " Dichte Arbeit":

 

Meine Gedichte

halten mich unauffällig
auf dem Laufenden, auch
über mich, finde ich, was
so läuft und was nicht, was
geht, steht, tiefer fällt …
weil sie rein dichterisch,
fürchte ich, nicht immer
so ganz dicht sind, was
mich & das sogenannte
„Lyrische Ich“ betrifft.