SCHWEINSGALOPP DER VERGESSLICHKEIT I
Manche der Frauen kenne ich seit Jahren. Sie grüßen mich mit Namen. Und ich weiß ihren immer noch nicht. Immer wieder nicht. Manchmal schlägt eine Angstwoge hoch. Dieser Schweinsgalopp der
Vergesslichkeit. Ist das noch Zerstreutheit oder schon Verfall? Führt obsessives Tanzen zu intellektueller Erlahmung? Wird mein Denkmuskel zu wenig stimuliert, handelt es sich um
Gehirnerweichung? Durch Alkohol? Drogen? Das Alter?
Bei Fanni fing es auch so an. Plötzlich war jede Person, von der sie berichtete, Dings. Frau Dings. Herr und Frau Dings. Du weißt schon.
Dieses Ehepaar aus Dings, das wir in Dings kennengelernt haben, auf dieser Schiffsreise nach Dings. Und hatte ich nicht genickt bei jedem „du weißt schon“, als wisse ich schon? Hatte ich nicht
die Zeichen absichtlich übersehen?
Hatten mein Vater und ich, die wir einander nie in die Augen sahen, nicht plötzlich sogar angefangen, Blicke auszutauschen? Und was für Blicke waren das gewesen? Alarmiert, belustigt, genervt?
Ich versuche, mir den Gesichtsausdruck meines Vaters in Erinnerung zu rufen, aber alles, was ich noch weiß, ist, dass es mir geschmeichelt hatte, dass er mich überhaupt ansah, dass wir einen
Augenblick lang Verbündete waren.
Hatten wir uns mit diesem Blick darauf verständigt, Fannis Erkrankung unter den Wohnzimmertisch fallen zu lassen? Hat uns das nicht in den Kram gepasst? War das diese Art von Blick gewesen? Ein
halb-so-wild-Blick? Ein einfach-nicken-Blick? Ein lass-sie-doch-reden-Blick?
Erst der Tod meines Vaters legte das Ausmaß ihrer Hilflosigkeit frei.
Der schwerkranke fast neunzigjährige Mann hatte nach und nach stillschweigend alle Aufgaben übernommen, die sie nicht mehr erledigen konnte. Er hatte ganz allein die Fassade der Bürgerlichkeit
aufrechterhalten. Den Kontakt zur Familie, zu den Nachbarn, die Urlaubs- und Wochenplanung, schließlich den Haushalt.
Ich hatte hingenommen, dass meine Mutter nicht mehr kochte, dass es bei meinen vierteljährlichen Pflichtbesuchen immer Chili con Carne aus der Dose gab, mein Vater hatte sein Bestes gegeben, mich
über Fannis Zustand hinwegzutäuschen. Er hatte meine Mutter mit Konzertbesuchen, Fitnesstraining, Kreuzfahrten beschäftigt gehalten. Und bis zu ihrer gemeinsamen Reise nach Paris war das auch
gelungen. Doch auch, als nach Paris die Täuschung aufflog, vertuschte und verharmloste er alles weiter, stufte jedes noch so deutliche Alarmsignal zum Kinkerlitzchen runter und strengte sich
dabei so an, dass er eines Tages starb.
Erst als ich sah, wie Fanni an ihm rüttelte, um ihn wieder aufzuwecken, wie sie die kalte Leiche meines Vaters an den Armen hochziehen, sie immer wieder aufrichten wollte, wie sie ihm auf die
Wangen schlug, die sich bereits bläulich verfärbten, ihn regelrecht ohrfeigte, um ihn zurückzuholen, wurde mir das Ausmaß der Katastrophe bewusst.
Ich fühle mich, als müsse ich eine vorzeitliche Maschine betreiben, die mein Urururgroßvater erfunden hat, und die seitdem Generation um Generation von seinen Söhnen und Sohnessöhnen betrieben
wird. Ich finde mich hinterm Steuer des väterlichen Autos wieder, werde zur Rechnungsbezahlerin, muss Urkunden beibringen, in Ordnern mit vergilbten Verträgen stöbern, meinen Vater beerdigen und
die letzten versprengten Tanten, Onkel und Cousins zum Leichenschmaus zusammentrommeln.
In erster Linie aber muss ich für Fanni dasein, eine verwirrte, entwurzelte alte Frau, die ich kaum kenne. Fanni, deren Krankheit nun, da mein Vater sie nicht mehr in Schach halten kann, wie ein
Fieber ausbricht, Fanni, die mit verwundertem Gesicht Beileidsbekundungen entgegennimmt, und die, wann immer es klingelt, durch die Wohnung irrt, um meinen Vater zu suchen, der ihr sagen wird, ob
es die Tür oder das Telefon ist, die nicht versteht, dass sie ihn nicht findet. Jaja, er ist tot, das weiß ich doch, du Dummerchen, aber wo ist er denn?
Auch ich bin entwurzelt. Das Kraftfeld hat sich verändert. Da ist kein Halt und kein Gegenhalt. Ich bin jetzt der Halt und der Gegenhalt. Ich habe keine Familie mehr. Also habe ich keine Feinde
mehr. Der Vater mausetot, die Mutter meschugge. Auf wen soll ich mich beziehen? Wen soll ich hassen? Gegen wen soll ich kämpfen? Es ist wie 1989, als mit der Mauer auch der Boden fiel, auf dem
ich stand, als mir das Land, das ich hasste, unter den Füßen weggezogen wurde.
Aus der Art geschlagen sein ist kein Wert an sich. Dafür brauche ich eine Art, aus der ich schlagen kann. Mein kollektives Anderssein ist kwier, aber mein individuelles Anderssein ist nun ohne
Fundament. Anders als wer? Es kann nicht in der Luft stehen. Es fällt. Ich falle. Ich falle mit verneinender Gebärde, haha, wie in dem Hölderlin-Gedicht.
Ich habe meinen Eltern Schande gebracht: mich. Aber ohne meine Eltern bin ich nicht mal mehr das. Niemand mehr stößt mich mit eiskaltem Schweigen tief in den Unwert meines Daseins. Niemand mehr
sagt: So nicht, Frollein. Keiner da, den ich provozieren, ignorieren, beschuldigen, beeindrucken kann.
Es gibt nur noch die zerzauste, zwei verschiedene Socken tragen wollende, Eierlikör aus der Flasche nuckelnde Fanni, die hinter ihrer Wohnungstür auf mich lauert. Am Anfang weiß ich nicht, was
ich da soll.
Was ich mit ihr reden soll. Wie ich mit ihr reden soll. Was mit ihr machen soll. Was zu tun ist. Ich weiß nicht, was davon ich tun kann, aber vor allem, was davon ich tun will. Ich muss lernen,
die Dinge, die ich nicht tun kann oder will, zu delegieren. Und jemanden finden, an den ich sie delegieren kann.
Ich organisiere einen Pfleger, besuche Fanni zweimal die Woche, und nach und nach, ganz langsam, ganz allmählich, gelingt es uns, etwas aufzubauen, das nur uns gehört. Als würden wir bei jedem
meiner Besuche auf einer Zeitinsel schwimmen, uns drei Stunden miteinander treiben lassen, als bekämen wir die Chance, uns neu zu finden, uns kennenzulernen. Plötzlich entwickelt sich so etwas
wie unvoreingenommene Neugier zwischen uns, wir kriegen Lust aufeinander.
Wenn wir spazieren gehen, die fremde Mutter und die fremde Tochter, wenn wir einander die Beeren an den Büschen zeigen, den Ruf der Vögel in den Baumwipfeln nachahmen, wenn wir unsere Hände den
Blumenkohlwolken entgegenstrecken, fühlt es sich an, als seien all die Umstände, die uns bedrängen und bedrohen, on hold, als träte alles für die Dauer unseres Spaziergangs zurück.
***
Punktgenau mit diesem schrägen, dissonanten Bandoneonaufschrei packen wir uns. Nils Körper spannt sich, holt nach hinten aus. Er will mich führen. Er darf, er soll. Ich will, dass er mich führt.
Wir gehen die Zerschmetterung der Rollen langsam an. Wir haben den ganzen Abend Zeit. Wir laufen los. Dieser Wahnsinnsrhythmus. Wie der peitscht und schleift! Ich laufe, als würden meine Beine an
den Ohren anfangen. Riesige Schritte, Siebenmeilenstiefel-Schritte – und das Ankommen, das Schönste bei Pugliese. Das Ankommen mit diesem Dschummm. Ich bin so versunken in unseren Camino, ich bin
so berauscht, so besoffen davon, dass ich die Aufgabenstellung vergesse. Ich lege mich schwer auf Nil, gebe ihm Widerstand, gebe ihm mein ganzes Gewicht. Ich verschleppe jeden Schritt, als würde
ich mich ihm widersetzen wollen. Der Packer, der Binder, Nils Transkörper an meinem, all das flößt mir Vertrauen ein, gibt mir Sicherheit. Wir sind allein auf der Pista. Wir sind allein auf der
Welt. Die letzten Menschen. Wir laufen durch Urschleim, die ganze Tanda durch, ohne in den Pausen auseinanderzugehen. So wird aus vier Pugliese-Tangos – danach La Yumba, Pathetico, Negracha – ein
einziges langes Musikstück, dessen unterschiedliche Tempi, Stimmungen und Rhythmen sich zu einem schamanischen Brei verstampfen.
Eine starke erste Tanda für einen Kaltstart mit Pugliese. Von Null auf Hundert. Eine ehrliche Tanda ohne Anbiederei, ohne Beeindruckungsversuch, roh und imperfekt. Diese Art von Tanz vertanzt
sich nicht. Sie vertut sich nicht. Sie irrt sich nicht. Nicht Nil bewegt mich, nicht ich bewege Nil. Nicht die Musik bewegt uns. Es ist etwas anderes, größer als wir, größer als die Musik, la
concha de Dios.
Es ist, als hätte dieser Tanz die Kraft, eine Seite meiner Persönlichkeit freizulassen, die bisher abgelehnt war, zu der ich mich nicht bekannt habe. Nach der Tanda stehen wir ganz mondän an der
Bar und trinken Sekt aus Kelchen, wie zwei Stummfilm-Grafen.
ELSe BUSCHheuer, geboren 1965 bei Leipzig. Hat mehrere Romane sowie zahlreiche essayistische und journalistische Texte veröffentlicht. Erhielt für den radikalen autobiografischen Text „Kriegerin“
im SZ-Magazinmagazin 2019 den Reporterpreis „Bester Essay“. „ex@frau“ ist ein literarisches Projekt, das aus langjähriger Arbeit hervorgegangen ist und sich bewusst außerhalb gängiger
Erwartungshorizonte positioniert.
„ex@frau“ erzählt von einer Frau, die in der Berliner Queertango-Szene lebt. Sie bewegt sich zwischen unterschiedlichen Tanzräumen und sozialen Codes. Auch die heterosexuelle Tangoszene
gehört dazu: ein Terrain, das ihr fremd ist und sie anzieht.
Parallel dazu beschreibt der Roman die Beziehung zur Mutter, die an Demenz erkrankt ist. Während Erinnerungen sich auflösen, geraten auch festgeschriebene Rollen in Bewegung. Mutter und Tochter
fallen traumtänzerisch aus vertrauten Zuschreibungen, als Frauen, als Angehörige, als Gegenüber. Herkunftsfamilie wird zur Wahlfamilie.
„ex@frau“ folgt diesem Prozess ohne Dramatisierung. Geschlechterbilder und Verwandtschaftsordnungen verlieren an Gewicht, Nähe entsteht neu. Am Ende steht keine Auflösung, sondern eine veränderte
Beziehung: jenseits von Rollen, offen, gegenwärtig.
„ex@frau“ ist ein autofiktionaler Roman, eine literarische Selbstbefragung, ein radikal persönlicher Versuch, sich aus Zuschreibungen herauszutanzen. Es ist ein Einschwingen in ein neues Selbst
und ein Auspendeln des alten. Es ist ein Text über das Verschwinden alter Formen und den Flug in neue Galaxien.
Ein Gegenwartsroman mit Anarcho-Manifest-Charakter. Geschlechter werden durchgeschüttelt, eine Weltkonferenz wird abgehalten, Fischen wachsen Arme und Beine. Lesben geraten in Schwulitäten,
Mütter und Töchter finden sich im Niemandsland wieder und ein schwuler Gott mit blonder Popperlocke spielt dazu „Komm nach Tirol Señorita“.
Auszug aus Else Buschheuer, ex@frau, ©Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
320 Seiten, gebunden mit Lesebändchen,
ISBN 978-3-88769-276-6
18,00 €
