Olive Feuerbach: Sommerkrimi

Leseprobe


11 Sonntag, 26.5., 10.30 Uhr

Vera hatte im Halbschlaf registriert, dass ihre Besucher einzogen. Sie würden wohl bis Mittag schlafen; sie bemühte sich, sie nicht zu stören, während sie sich um die Pflanzen kümmerte.

 

Sie hatte einige Kannen Wasser zu den Rosenbüschen und anderen Ziersträuchern getragen, die nicht von der automatischen Bewässerung erreicht wurden. Vor allem die New Dawn draußen an der Straße machte ihr Sorgen. Erst bei näherem Hinsehen wurde deutlich, dass der Glanz auf ihren Blättern nicht von einer gesunden Hartlaubigkeit herrührte, wie man sie in südlichen Ländern oft sieht, sondern von eingetrocknetem Honigsaft. Die Pflanze war von Spinnmilben verseucht. Sie hätte am liebsten gleich den Schlauch genommen und die Bescherung weggespritzt, aber das ging nicht in der prallen Sonne. Traurig betrachtete sie die schöne Pflanze. Da fiel ihr ein, dass der Pflanzenmarkt in Rivesaltes sonntags geöffnet hatte. Sie würde nachher ein Spritzmittel holen, auch wenn sie es erst am Abend, wenn die Sonne nicht mehr brannte, anwenden konnte.

 

In einer milden Panik prüfte sie gleich die Red Star und stellte erleichtert fest, dass dort weder Honig noch Spinnmilben zu sehen waren. Aber Fraßlöcher an den neuen Blättern, und bald fand sie auch die Verursacher, kleine grüne Raupen. Sie fing an, sie abzusammeln. Da läutete das Telefon. Sie rannte die Stufen zu ihrer Wohnung hoch, die kleinen Raupen in der hohlen Hand, und fragte sich, wer das wohl war. Sonntags um halb elf kamen nur wenige Anrufer in Frage.

 

»Vera Brecht, guten Morgen.« Sie klang etwas außer Atem.

»Hallo Vera. Hast du einen Moment Zeit?« Es war Andreas Kentner. Maggie und er wollten heute doch zurückfahren und wären normalerweise längst weg gewesen. Was war los?

»Natürlich. Lass mich nur zuerst die Raupen beseitigen, die ich in der Hand habe. Ich habe sie gerade von einer Rose abgesammelt.« Vera überlegte, was sie mit den Raupen machen sollte. Schließlich warf sie sie in den Ausguss und ließ heißes Wasser laufen.

 

»So, jetzt bin ich für dich da. Seid ihr noch nicht auf Achse? Soll ich noch was für euch erledigen?«

»Nein, nein. Es geht um Ivana.«

»Ja?«

»Ich sitze hier bei Ludger Siegmann. Ivana ist verschwunden. Seit gestern Nacht.«

»Das kann doch nicht sein!«

»Wir haben alles abgesucht. Wir haben rumgefragt. Keiner hat sie gesehen.«

Vera fing an, Fragen zu stellen und ärgerte sich, denn die Freunde hatten sicher längst dieselben Fragen gestellt. Ivana war ein lockeres Geschöpf und Vera konnte sich auch vorstellen, dass sie sich auf ein Abenteuer eingelassen hatte. Aber sie hätte in diesem Fall irgendeine Nachricht hinterlassen, da war sie sich sicher, obwohl sie Ivana erst so kurz kannte.

»Ludger und wir sind der Meinung, man sollte die Polizei einschalten. Deshalb rufe ich an. Du kennst die doch ein wenig. Und kannst gut französisch. Gehst du mit uns hin?«

»Ich komme gleich.«

 

Vera zog ein sauberes Hemd heraus, eine ordentliche Hose, schloss die Wohnung sorgfältig ab und fuhr das Auto heraus. Zum Glück hatten die Gäste nicht getan, was sie ihnen gesagt hatte, und ihr Fahrzeug nicht im Hof, sondern gegenüber auf der Straße abgestellt, so dass sie losfahren konnte, ohne sie zu wecken. Sie ging nochmals zurück und holte Handy, Reisepass, Notizblock und Schreibzeug. Die Kamera lag schon gut eingewickelt vor dem Rücksitz. Wer weiß, ob man sie brauchte.

 

Am Oasis stand Andreas bereits am Tor und tippte den Code ein. Um diese Zeit gab es noch genügend Parkplätze. Vera versuchte einen Scherz: »Wenn ich so einen Tropf zum Mann hätte, würde ich vielleicht auch abhauen.«

Andreas kannte im Moment keinen Humor. »Lass die Witze. Der Typ ist völlig fertig. Und ich hab kein gutes Gefühl. Da ist was faul.«

»Im Moment sind wir alle ein wenig hysterisch.«

Andreas schimpfte. »Das ist doch’n Scheiß, was du sagst, und du weißt es. Ivana ist verschwunden. Man muss mit allem rechnen.«

Er hatte recht. In der Wohnung mit dem Panoramablick hinaus auf einen Strand voll fröhlicher Leute trafen sie auf einen völlig in sich zusammengesunkenen Siegmann. Maggie versuchte ihn aufzubauen, aber er hörte anscheinend gar nicht zu.

 

Vera erfuhr, dass Ivana nach dem Abendessen noch das Auto genommen hatte, um in der Dämmerung herumzufahren, während Siegmann seinen Krimi las. Als sie um Mitternacht nicht zurück war, wurde er unruhig. Er saß bis etwa halb vier und wartete und schlief danach im Sessel ein. Als sie morgens immer noch nicht da war, bat er die Kentners um Hilfe. Sie hatten inzwischen alle Möglichkeiten in Betracht gezogen, was hätte passiert sein können, und waren alle Straßen abgefahren. Vergeblich. Jetzt waren sie überzeugt, dass sich etwas Schlimmes ereignet hatte.

 

»Sind Sie sicher, dass Sie keinen Krach hatten? Sie sahen ja nicht gerade begeistert aus, als sie vorgestern mit den anderen am Tisch flirtete …«

»Stimmt. Ivana war mächtig aufgekratzt, vielleicht weil Sie sie so rangenommen haben. Wissen Sie, sie hat so eine Art. Das törnt sie an. Sie wollte gestern unbedingt zur Sandbank rausschwimmen, wie Sie gesagt haben.«

»Und, hat’s funktioniert? Und Ihr Ding ist noch okay?«

Trotz seines Unglücks musste Ludger lachen. »Sie sind nicht gerade diskret. Es war schön.«

»Selten, dass man ein Feedback bekommt. Aber kann es trotzdem sein, dass sie irgendwem schöne Augen gemacht hat?«

»Die Letzte waren Sie, verdammt noch mal. Trotzdem – verzeihen Sie – ist sie keine Lesbe, das weiß ich. Und ich glaube, dass sie mich wirklich mag. Seither waren wir die ganze Zeit zusammen. Kein Beschäler in Sicht, keine Borke zum Reiben.«

 

Na, so langweilig der Kerl normalerweise war, im Stress entwickelte er Macho-Witz.

»Und wie wär’s mit einer spontanen Spritztour nach Barcelona? Sie sind doch eher ein Kulturmuffel.«

»Sie allein? Im Gegenteil, da hätte sie mich mit Sicherheit mitgeschleppt.«

»Irgendwas sonst? Dass ihre Mutter plötzlich krank wurde, was weiß ich? Hat sie denn ein Handy dabei?«

»Hat sie«, sagte Andreas. »Wir haben mehrfach angerufen, aber sie nimmt nicht ab.«

»Das ist doch was. Wenn das Gerät eingeschaltet ist, kann man die Zelle ermitteln. Ist zwar umständlich, besonders übers Ausland und am Sonntag. Aber ziemlich effektiv. Wir sollten wirklich die Polizei verständigen. Nehmen Sie den Ausweis Ihrer Frau mit und Ihren eigenen.«

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke