Leseprobe aus "La Palma. Die Canarische Insel"


Wulf Göbel: Herr Trinks, auf dem Weg nach Fuencaliente. Eine Wanderung

Heinz Trinks müsste schon länger nachdenken, wann er das erste Mal auf La Palma war. Die Landschaft hatte es ihm angetan, die steilen Berge, La Cumbre, die Lorbeerwälder, der Passat – und nicht zuletzt die Leute hier. Heidelberg war schön, gewiss, der Neckar, die Alte Brücke, die Fußgängerzone. Aber gegen La Palma war Heidelberg ein eingetragener Verein. Er war den Tag in der Cumbre gewesen, vom San Juan den Weg in den Süden, und wollte, bevor es dunkel wurde, wieder unten sein in Fuencaliente. Das hätte auch prima geklappt, wenn da nicht dieses Haus gewesen wäre in den Weinbergen, mit den vielen Menschen, die irgendetwas zu feiern hatten. Das Lachen und Singen hörte er schon von Weitem, und er dachte daran, dass die Leute hier noch zu feiern verstünden, noch froh sein konnten, wann immer sie wollten, im Vergleich zu seinem griesgrämigen und verplanten Heidel-Town: heiter waren.

 

Ja, genau, das war das Wort: heiter. Und fast hatte er damit gerechnet, dass er auf ein Gläschen ins Haus gebeten würde, und fast wäre er enttäuscht gewesen, wenn es nicht so gewesen wäre. Es war aber so, und er nahm dankend an. Aber nur ein Gläschen, ein winziges, una copita. Herr Trinks hatte diese liebenswerte Bescheidenheit, und außerdem sollte er eigentlich keinen Alkohol trinken wegen seiner Arthrose. Von einem alten, aber würdigen Herrn nahm er dankend den vollen Becher entgegen, hielt das Glas gegen das Licht und trank einen guten Schluck.

 

Schmecktʼs dir, wurde er gefragt. Ja, sehr, sagte Herr Trinks. Und er hätte noch vielerlei Artigkeiten über den Wein sagen mögen, über die Farbe, das Feuer, die süffige Trockenheit. Allerdings nur auf Deutsch. Und deutsch konnte hier keiner. Also sagte er nach einem weiteren Schluck, ja sehr. Und um die kleine Pause zu überbrücken, die womöglich dadurch entstand, dass die Leute auf seinen weiteren Kommentar warteten, den er zu ihrem Wein abgeben würde, sagte er, höflich, wie es seine Art ist, noch einmal „Salud“ und trank zügig aus. Ah gut. Noch ein Gläschen?, fragte der Alte. Und, ohne die Antwort abzuwarten, bestimmte er, dass Heinz Trinks noch eins trinken müsse. Und Heinz Trinks dachte bei sich, dass es nicht anginge und zudem als unhöflich missverstanden werden könnte, wenn er einerseits überschwänglich den wirklich guten Landwein lobte, aber zugleich ein zweites Glas ablehnte. Also nahm er dankend an, überschlug den Zuckergehalt und die Ablagerungen in seinen Knochen. Und sein Gesicht wurde etwas ernster, als er sah, wie sein Glas wieder randvoll geschenkt wurde. Jemand muss diesen Ausdruck bemerkt haben, denn er wurde besorgt gefragt, was denn sei, qué pasa?, und ob ihm der Wein nicht schmecken würde. Doch, doch, versicherte er schnell, denn der Wein war wirklich gut und süffig und sauber. Aber er habe noch nichts gegessen, und auf leeren Magen – Herr Trinks deutete auf seine Bauchgegend und ahnte, dass er einen Fehler gemacht hatte.

 

Der alte Herr rief irgendetwas in die Runde und sagte, indem er sich für seine  Unaufmerksamkeit entschuldigte, dass es gleich etwas zu essen gebe. In der Zwischenzeit könne man ja ruhig das Gläschen trinken, ein Gläschen würde den Appetit anregen. Gehorsam trank Herr Trinks an seinem zweiten Gläschen, und als er es halbvoll irgendwo abstellen und vergessen wollte, wurde es ihm aufmerksam nachgebracht und in die Hand zurückgedrückt. Danke, sagte Herr Trinks und spürte schon die verwabbelte Wirkung der beiden Gläser. Zum Essen – es gab Ziegenbraten, weißen Käse, Kartoffeln und Mojo – m trank Herr Trinks noch ein Gläschen, weil sich das so gehört und er sich dachte, wenn ich trinke, werde ich nicht beobachtet, und wenn ich nicht beobachtet werde, brauch’ ich nicht zu trinken. Aber irgendetwas schien nicht zu stimmen mit seinen Überlegungen. Nur wusste er nicht, was. Außerdem hatte er wirklich einen leeren Magen; das Essen tat ihm gut. Und, so hoffte er, es würde auch den drei Gläsern guttun, die mit jeweils 15 % Alkohol wärmend in sein Inneres sickerten. Außerdem war es ohnehin schon düster, und als ihm nach dem Essen der alte Herr sagte, nun müsse er aber noch auf das Geburtstagskind trinken, sagte Herr Trinks nicht Nein. Und auf die Insel, aber sicher. Und auf die Frauen dieser schönen Welt, das allemal. Und auf unsere Freundschaft, darauf nicht zuletzt. Und auf die Hänge von Fuencaliente, die jedes Jahr den guten Wein wachsen lassen. Prost! Und überhaupt auf das Leben!

 


Copyright konkursbuch Verlag Gehrke, aus "La Palma. Die Canarische Insel"