Leseprobe Elisabeth Richter:

Alles, alles muss anders werden

Damals war ich noch sehr jung, so jung, dass ich mich aus Liebe und Bewunderung allen Einfällen von Carlos beugte, zumal der aus Lateinamerika stammte und deshalb von einer Aura des Magischen umgeben war. Ich betete ihn an. Gabriel García Márquez hatte im Jahr zuvor den Literaturnobelpreis erhalten, und das erhöhte die Magie aller Lateinamerikaner erheblich. Ich unterstellte Carlos einen inneren Reichtum, an dem es unsereins mangelte, und deswegen hatte er in meinen Augen Anspruch auf seine irrlichternden Launen, die mich in Anspannung hielten. 

Wir waren mit unserer Nuckelpinne in Spanien unterwegs. Wir hatten damals schon ein Kind, unsere Tochter war achtzehn Monate alt, sie saß auf dem Rücksitz und schlief oft während der Fahrt ein. Wir gondelten herum und vermieden Besichtigungen von Orten, die jeder gesehen haben muss, weil wir keine Touristen sein wollten, aber wir saßen bis in die Nacht bei Wein, Oliven und Brot mit neuen Freunden herum, die Carlos auf seine verzaubernde Art tagsüber gewonnen hatte: Er sprach fremde Leute an, strahlte und fragte mit seinem Latino-Akzent nach dem Weg. Sein Charme und seine Schönheit öffneten alle Türen. Ich dagegen war schüchtern, verstand das spanische Spanisch nicht gut und hatte Hemmungen, zu sprechen. Aber Carlos war mein Mann, und ich durfte in seinem Windschatten segeln. Außerdem hatte ich unser Kind auf dem Schoß, und das verschaffte mir freundliche Blicke, wenn nicht sogar Respekt. 
Manchmal wollte ich unterwegs eine Kirche besichtigen, wofür Carlos sich nicht interessierte, und dann blieb er mit unserer Tochter auf einem Platz in der Sonne sitzen, während ich in die Düsternis einer Kathedrale hinabtauchte und, seltsam genug, auf der Stelle das Gefühl von freierem Atmen spürte und von Glück. Und wenn ich danach zurückging zu meinem Mann und meinem Kind, merkte ich, wie sich meine gewöhnliche Anspannung wieder einstellte. Meine Schultern wurden eng, ich atmete flach und war in unruhiger Erwartung von Carlos’ Stimmung, die sich schlagartig ändern konnte. 

Wir waren in der Nähe von Salamanca, als Carlos am Straßenrand anhielt und verkündete, er werde jetzt den Kofferraum aufbrechen und seine Kamera verschwinden lassen, und wir würden mit unserer Versicherung den großen Reibach machen. 
Ich bekam Herzklopfen, ich eigne mich nicht fürs Lügen und Betrügen, aber ich wagte keinen Einspruch. Voller Angst sah ich zu, wie Carlos ebenso kaltblütig wie brutal den Kofferraum aufhebelte, und ich ahnte, dass diese Tat mich fortan belasten würde. Sie zerschlug etwas zwischen uns und machte mich stumm.
Auf einer Wiese in der Nähe eines Bauernhofs bauten wir für die Nacht unser Zelt auf und versteckten die Kamera am Fußende unter unseren Schlafsäcken. Dann fuhren wir in den nächsten Ort zur Polizei. Die Polizisten schauten sich den aufgebrochenen Kofferraum an und hörten Carlos mit unbewegten Gesichtern zu. Er schilderte die Geschichte dramatisch und mit vielen Gesten, und ich nickte dazu mit dem Kopf und bestätigte, sí, sí, wir seien spazieren gegangen, und als wir zum Auto zurückkamen, da war die Kamera weg. Wir bekamen ein Papier für die Versicherung und fuhren zu unserem Zeltplatz auf der Wiese. 
Der Bauer ging am Abend mit dem Pflug hinter seinem Ochsen und sang. Seine Stimme und die melancholische Melodie klangen heil und unschuldig, sie schnitten mir ins Herz, und ich sehnte mich danach, selbst wieder heil zu werden. Ich spürte einen wilden Schmerz: Alles, alles muss anders werden!

In der Nacht wachte ich von einem Geräusch auf. Am Fußende im Zelt raschelte etwas und ich schrie: Eine Ratte! Carlos setzte sich auf. Wir hörten Fußgetrappel, jemand lief weg. Wir schälten uns aus den Schlafsäcken, Carlos knipste die Taschenlampe an, und wir sahen den groben Schnitt hinten im Zelt, in dem ein paar Kleidungstücke steckten, die einer aus unserem Rucksack gewühlt hatte. Der Beutel mit Zahnbürsten und Sonnencreme fehlte. Und die Kamera war verschwunden. Jetzt war sie wirklich weg!
Ich glaube, wir schliefen nicht mehr ein in dieser Nacht. Carlos tobte und schimpfte und steigerte sich in seiner Wut: die Unehrlichkeit der Spanier, die unschuldigen Ausländern ihre wenigen Besitztümer klauen, und das auch nur, weil wir mit einem deutschen Nummernschild herumfahren, unmöglich und unfair seien diese Spanier, diese unterentwickelten, primitiven Leute hätten keine Vorstellung davon, dass wir selber kein Geld haben, sie würden einfach denken, dass sie sich an uns schadlos halten könnten … Und überhaupt, jetzt habe er die Schnauze voll von Spanien und den Spaniern. 
Ich schwieg und machte mich unsichtbar.
Im Morgengrauen packten wir unsere Sachen und fuhren weg. Carlos war schweigsam und reizbar und ich fühlte mich schuldbewusst, als hätte ich das alles eingefädelt. 
Wir kauften unterwegs Brot und tranken Kaffee vor einer Bar auf dem Dorfplatz. Carlos schilderte dem Wirt, was uns letzte Nacht zugestoßen war, und der zeigte sich angemessen erschüttert und empört. Er schäme sich für seine Landsleute, sagte er, und das schien Carlos ein wenig zu besänftigen. Aus einer Autowerkstatt in der Nähe drang laute Popmusik. Unsere Tochter begann, im Rhythmus auf der Stelle zu hopsen und sich zu drehen, und der Wirt sagte: Kommt mit ihr wieder, wenn sie achtzehn ist! Ich musste lachen, aber Carlos guckte ihn entrüstet an.
An einem Haus gegenüber war ein Schild: “Cerámica”. 
Wollen wir in die Töpferei?, schlug ich vor. Carlos zuckte mit den Schultern und blieb sitzen. Also ging ich alleine hin, mit unserer Tochter auf dem Arm. 

Die Werkstatt bestand aus einem einzigen Raum, der eng und dunkel war, ringsum an den Wänden und in der Mitte waren Regale mit Krügen, Henkelbechern und Schalen, sortiert nach gebrannt und ungebrannt. Der Töpfer war ein Mann, dessen Alter ich nicht schätzen konnte. Er war alt, das heißt, er war so viel älter als wir, dass ich unmöglich hätte sagen können, ob er fünfzig oder achtzig war. Er hatte ein Loch in der Kehle, worin ein Apparat steckte, der ihm sprechen half, seine Worte wurden vom Apparat in ein Schnarren verwandelt, das ich kaum verstehen konnte, aber ich fühlte mich auf der Stelle zuhause in diesem Raum, ich hatte eine ähnliche Empfindung wie in der letzten Kirche, in der ich gewesen war: ein stilles Gefühl von Heimat und Bleibenwollen.
Ich zeigte auf einen grün lasierten Weinkrug: Der gefällt mir, sagte ich, den würde ich gern haben. Der Töpfer fragte: Warum nicht ein ganzes Service?, und stellte sechs grüne Henkelbecher im Kreis um den Krug. Der Preis war unwichtig, ich fand alles billig im Vergleich zu den Preisen in Deutschland. In dem Augenblick kam Carlos herein, und ich schaute ihn an, als müsste ich als Ehefrau seine Zustimmung, einholen, tatsächlich aber war ich besorgt, dass er sich langweilen oder verärgert sein könnte, dabei war es mein Geld, das ich mit Nachhilfestunden verdient hatte. Carlos war ungeduldig, das konnte ich sehen, aber ich wusste nicht, was ihn ungeduldig machte, wie fast immer, ich ahnte nur, dass ich für seine schlechte Laune büßen würde wie so oft. Manchmal schwieg er mich eine Stunde lang an, manchmal drei Tage, und tat so, als wäre ich nicht da. 
Ich wusste nicht weiter und schaukelte mein Kind im Arm. Der Töpfer beugte sich zu ihm und sagte: So ein schönes kleines Mädchen. Dann lächelte er mich an und sagte: Sie haben Glück. 
Ja, antwortete ich. 
In diesem Augenblick sah ich die Weite der Möglichkeiten vor mir wie eine sonnenbeschienene Ebene mit Wegen, mit Felsenklippen, mit Abzweigungen, an denen ich mich entscheiden müsste für ein rechts oder links, was wiederum nicht einfach geradeaus, sondern zu einer nächsten Gabelung führen würde und die wieder zu weiteren Kreuzungen. Und es kam nur darauf an, weiterzugehen. Mir war bang zumute vor dieser großen Aufgabe, und zugleich spürte ich Mut und Wagemut anschwellen wie ein Triumphgeheul. Ich wollte meine Finger in diesen grauen Ton stecken, ich wollte hier sein und Dinge mit meinen Händen formen, ich sah mich an der Töpferscheibe sitzen, ich sah mein Kind mit einem Hund im Hof spielen und später mit einem Ranzen auf dem Rücken in die Dorfschule gehen. 
Ich stand an einer Wegkreuzung und auf einer Klippe, die Carlos hieß, und wusste, dass ich jetzt springen würde. Keine Macht der Welt konnte mich aufhalten. 
Alles, alles muss anders werden.
Ich schaute den Töpfer an, ich sah sein freundliches Lächeln auf dem alten Gesicht, ich sah seine Güte und sein Leid.
Ich holte Luft und sprang.
Ich möchte Töpfern lernen, sagte ich, kann ich hierbleiben, bei Ihnen, mit meiner Tochter?


Der Anfang der Geschichte "Liebesbrief"

Vor Kurzem stand ich an der Straßenecke, an der ich sonst nie vorbeikomme. Ich musste dort in einen Bus umsteigen, weil die S-Bahn gesperrt war. Der Bus kam lange nicht.

Gegenüber der Haltestelle geht eine kleine Straße ab. Der Name auf dem Schild guckt mich an und knallt mir eine. In dieser Straße ist das Hotel, in dem wir ein Zimmer nahmen. Da waren wir uns gerade erst begegnet. Wir waren auf den ersten Blick zum Paar geworden. Wir kannten uns doch schon immer.

 

Das Hotel heißt Literaturhotel, der Name gefiel uns. Wir waren beide Journalisten, das wussten wir immerhin schon voneinander. Aber am nächsten Morgen bei der Frage Tee oder Kaffee konnte keiner von uns für den Anderen antworten. Beim Abschied schrieb uns die Hotelbesitzerin, eine Schriftstellerin, eine Widmung in ihr Buch, das wir natürlich gekauft hatten. Sie schrieb: So ein nettes Paar trifft man nicht alle Tage. Und sie wünschte uns alles Gute.

 

Es war Juni, die Zeit der ersten Lockerungen von den Corona-Beschränkungen. Du musstest raus, wie du sagtest, raus aus deiner Stadt, aus deinem Land, hin nach Berlin, das in deinen Kreisen den Ruf hatte, ein wildes Dorf zu sein.

 

So kam es, dass wir auf einmal voreinander standen, die Gesichter halb hinter den Masken versteckt. Wir erkannten uns an den Blicken.

 

Unsere Muttersprache war nicht dieselbe. Das machte nichts. Wir hatten unsere Körper, die sprachen die gleiche Sprache. Sie würden nie, nie ihren Dialog beenden.

 

Wir haben in Berlin gelebt, in Paris und in Tarnow in meinem kleinen, alten Bauernhaus. Wir pflanzten in Tarnow Obstbäume, du wolltest das so, du wolltest dich einpflanzen in meinem Dorf im Osten von Deutschland, das dir doch in seiner Herbheit und Verlassenheit fremd war. Du wolltest dich aussäen in dieser Erde statt mir ein Kind zu machen. Aber für ein Kind waren wir beide zu alt. Stattdessen pflanzten wir Quitten, Äpfel, Kirschen, Pflaumen und Birnen. Wir wollten gemeinsam ernten und die Früchte essen.

 

Aber dazu kam es nicht.

 

Ich pflege die Bäume allein, ich wässere sie im Sommer mit dem Wasser aus dem Brunnen, ich esse die Früchte und verschenke die meisten.

 

Ich war täglich in Gedanken mit dir woanders unterwegs, weil es dir nicht genug war, an dem Ort zu sein, an dem du gerade warst. Wir waren in unseren Kopfreisen in Irland und in Nizza und in Italien und in Sardelitz in der Pampa oder in Wüssenow am See, am Atlantik und in den Bergen. Du wolltest mir den Garten deines Großvaters zeigen in dem kleinen Gebirgsort nördlich von Nizza. Du erzähltest immer wieder von diesem Städtchen und dem Garten, den du von deinem Großvater geerbt hast.

 

Dort hast du mit deiner Frau damals einen Obstgarten angelegt, ihr wolltet ein Haus bauen auf diesem Grund, aber das war nicht erlaubt, weil es keine Zufahrt gab. So habt ihr kein Haus gebaut, und ihr habt aufgehört, die jungen Bäume zu gießen. Ihr hattet keine Lust mehr. Vielleicht hattest nur du keine Lust mehr. Was weiß ich schon von dir. Ich weiß alles und verstehe nichts. Und den Garten in den Bergen über Nizza hast du mir nicht gezeigt.

 

Immer noch weiß ich nicht, wie es dazu kam, dass du nicht mehr da bist. Aber vielleicht gab es von Anfang an die Notwendigkeit eines Endes.

 

Ich kenne deine Kinder und du meine. Aber unsere Kinder haben einander nicht kennengelernt.

 

Ich sehe deinen kleinen Hintern vor mir, wie du nachts aufs Klo gingst. Deine Füße patschten auf dem Dielenboden, die Fußspitzen zeigten immer ein wenig auswärts.

 

Du bist der einzige Mann, der vor mir zugegeben hat, schon mal im Puff gewesen zu sein.

 

Das Foto, das dich als jungen Soldaten in Uniform zeigt – du warst neunzehn, dein schwarzes Haar quoll unter dem Käppi hervor – hat mich gleich verliebt gemacht in diesen Jungen, der du gewesen bist. Das bist du nicht mehr, du bist rausgewachsen aus dieser strotzenden Selbstgewissheit von damals. Ich war auch traurig, weil mir deine Jugend entwischt war, für immer. Ich habe sie verpasst, ich war woanders beschäftigt.

 [...]