Das einzig Gute an ihrer Familie war, dass sich keiner groß um den anderen kümmerte. Mit ihren neunzehn Kindern hatte ihre Mutter längst den Überblick über die Einzelnen verloren. Der Vater war
mit seinen ständigen Kriegserklärungen oder Friedensschlüssen mit irgendwelchen Nachbarclans beschäftigt und steckte immerzu in für sie undurchsichtigen Verhandlungen.
Ab und an, zu feierlichen Anlässen, mussten sie sich alle zusammen dem Volk auf einem Balkon des Palastes zeigen und huldvoll lächeln und winken. Wenn der Termin vorbei war, ging jeder wieder auf
sein Zimmer. Der Palast war groß, fast labyrinthisch, und man konnte sich leicht aus dem Weg gehen.
Cassandra ging ihren Geschwistern meist aus dem Weg, weil sie sie langweilten. Ihre kraftmeierischen Brüder genauso wie ihre duckmäuserischen Schwestern. Die ganze Serie war irgendwie
vermurkst.
Weil sie von ihr ähnlich dachten, ließen sie sie zufrieden. Manchmal hatte sie den Eindruck, wenn sie plötzlich verschwunden wäre, hätte man das tagelang nicht bemerkt. Vielleicht wäre ihr Fehlen
ihrem Vater irgendwann aufgefallen. „Hast du wieder wo rumgeschnüffelt?“ würde er sagen, sie im Vorbeigehen auf seine immer etwas hektische Art anstupsen und ohne eine Antwort abzuwarten
weitereilen. Er hatte ja recht. Sie war eine Schnüfflerin. Nicht, um irgendeine Intrige zu spinnen, einfach so. Eine Mischung aus Langeweile und Interesse. Menschen interessierten sie schon.
Nicht übermäßig, aber doch. So wie man an den Berghängen hinter der Festung manchmal von ferne Bergziegen beim Grasen zusehen konnte. Auch Menschen waren ihr am liebsten auf Halbdistanz – nicht
alle, aber die meisten. Aus dem Kreis ihrer Familie die meisten. Am ehesten mochte sie ihren jüngeren Bruder Hektor, der sie schon als Kind grün und blau geprügelt hatte. Natürlich nur aus Spaß
und im Spiel. Er kannte einfach seine Kräfte noch nicht. Er verprügelte auch andere Kinder, aber mit ihr, seiner größeren Schwester, spielte er lieber. Mit dreizehn hatte er sein erstes Schwert
und übte wie ein Verrückter. Er war richtig gut, hatte spontan den Dreh raus, aus der Schulter heraus zu schlagen, statt wie die andern mit den Armen herumzufuchteln. Manchmal ließ er sich dazu
herab, heimlich mit ihr zu üben. „Du bist gar nicht so schlecht“, sagte er gönnerhaft, „für eine Frau“ – und grinste dabei. Bei ihm wusste man nie genau, woran man war. Wahrscheinlich wusste er
es selbst nicht.
„Du aber auch nicht – für einen Knirps“, konterte sie.
Ja, er war wirklich nicht besonders groß, seine Statur war nicht die eines Athleten. Und sie war nicht gerade zartfühlend, wenn sie darauf anspielte. Denn sie wusste, dass seine Stärke in der
Schnelligkeit lag, dass er blitzartig und verdeckt schlagen konnte, und sie bewunderte ihn im Grunde. Später dachte sie manchmal an diese Tage zurück. Als sie sich im Scheingefecht geduckt
umschlichen hatten, umeinander herumtänzelten und sich belauerten – bis einer plötzlich die Geduld verlor und angriff. Meistens sie. Meistens eine Sekunde zu früh, sodass er ihren Schlag federnd
abfangen und parieren konnte. Für einen Moment war ihre Deckung entblößt, und er stieß zu. „Tot“, lachte er, „jetzt wärst du tot!“
Nach dem Kampf lagen sie erschöpft auf dem Boden und schnappten nach Luft. „Ich glaub, später hau’ ich sie mal alle in Stücke, ich bin gar kein Trojaner, in Wirklichkeit bin ich ein Spartaner“,
sprudelte es selig aus ihm heraus. In solchen Momenten konnte man ihm einfach nicht böse sein. Ein Mensch, der mit sich selbst scheinbar im Reinen war.
Was sie von sich nicht sagen konnte. Damals nicht – heute auch nicht. Eigentlich mochte sie Menschen nicht, die mit sich „im Reinen“ waren. Und davon gab es hier viele, sehr viele. Troja, diese
kleine Klitsche an den Dardanellen, am westlichen Rand des Orients, dünkte sich immer etwas Besonderes. Von Göttern gegründet. Anders als die anderen. Außenposten. Aushängeschild.
Priamus, ihr Vater, hatte versucht, ihnen das von klein an einzuimpfen. Daher hatte Hektor ja seinen Spartanertick. Was ihren Vater dazu trieb, sich ständig um diese Spartaner zu kümmern, hatte
sie nie begriffen.
Da schwang irgendeine verdeckte Bewunderung mit, die überhaupt nicht zu ihm passte, mit seiner etwas schlurfenden Art zu gehen und seinem nervösen Naturell. Sie erinnerte sich daran, dass sie ihn
einmal – sie war noch ein kleines Mädchen – mit einem dieser unheimlichen goldenen Helme, die das ganze Gesicht bedeckten, heimlich vor einem Spiegel beobachtet hatte. Ein Helm, wie ihn die
Spartaner tragen, erklärte er ihr verlegen lächelnd. Alle hatten genau den gleichen, wie eine Phalanx, verstehst du? Sie verstand nichts. Aber das Bild ihres etwas schmächtigen, plötzlich in
einen maskierten Kriegsgott verwandelten Vaters konnte sie nicht mehr vergessen.
... Einem Spiegel ging sie zumeist aus dem Weg. Heute suchte sie ihn. Man muss sich einfach aushalten, jedenfalls von Zeit zu Zeit und für ein paar Momente. Sich selbst sieht man ja immer nur
zufällig und in Ausschnitten. Und das ist gut so. Außer bei Helen. Die konnte mit ihrem Spiegelbild geradezu freundschaftlich verkehren, lächelte ihm verführerisch zu oder zeigte die kalte
Schulter, stand vor ihm mit weit geöffneten Augen oder drehte sich geschmeichelt ab. Dahinter steckte Übung, Routine – eine, ja, Cassandra musste es neidvoll anerkennen, gewisse Perfektion. Die
ihr fehlte. Ihr kam immer eine andere entgegen als die, die sie erwartete. Jetzt im fahlen Morgenlicht, das von draußen hereinsickerte, war es besonders übel. Keine Spur irgendeiner Art von Aura.
Nur diese ihr selbst unangenehme Fläche übellauniger Nüchternheit. Deshalb zeigten sich Seherinnen ja nie außerhalb ihrer Umgebung. Gut, sie war keine „Seherin“.
Wollte auch nie eine sein. Diese Schauspielerinnen der Vorausschau, die aus Beleuchtung, Bühnennebel, Schminke und Requisiten bestanden und ihr Handwerk mehr schlecht als recht, aber meist gegen
anständiges Honorar und öffentlichkeitswirksam verrichteten. Draußen im Freien, außerhalb ihrer Muschel, hätte man keine von ihnen erkannt, abgeschminkte graue Mäuse. Zumindest hatte sie das
nicht nötig. Was sie jedoch jetzt vor sich sah, war auch nicht erbaulich und nicht das, was sie sich erwartet hatte. Jedenfalls weder besonders apart noch schön – noch nicht einmal sympathisch.
Manchmal hörte sie, dass man über sie sagte, sie wirke streng, dass man an sie nicht herankomme, starr, wie aus Stein. Sie hatte das stets als Kränkung empfunden. Aber sie hatten ja recht. Da war
etwas an ihr, das wie eine Schwelle wirkte und signalisierte: nicht überschreiten. Der Mund, der sich nie zu einem Lächeln verzog, jedenfalls nur sehr selten. Die Augen, die immerfort zu
beobachten schienen, so als würde sie das Gegenüber ins Visier nehmen. Dabei nahm sie doch nur sich selbst ins Visier, und zwar ohne Gnade. Mit einem Mal wusste sie, dass es falsch war, sich auf
die anderen einzulassen, es jemals versucht zu haben sie zu imitieren, so zu tun, als gehöre sie zu ihnen. Nein, sie musste mit sich selbst zurechtkommen. Hier im Spiegelbild sah man es ganz
klar. Es war wie Wasser durchs Leid im Rahmen eingefroren. Sie selbst ein ferner Schatten. Ein einsames Gespenst und eine Furie.
Sollten sie ihr Mitleid doch für sich behalten, genauso wie ihr Verhöhnen. Auch will ich nichts von Menschlichem, will ein Steinbild sein, für mich, ja, ich blühe nur für mich und schleiche
abends auf mein Lager – Schlange, unnahbar – nur das kalte Rieseln meiner bleichen Klarheit spüren. Weiße Nacht aus Eis und kaltem Feuer – einsame Schwester, allein in der öden Heimat. Der
Spiegel ist meine Heimat. Cassandra mit klarem Diamantblick. Ich fühl es ja! Allein!
„Du weißt schon, dass du sehr schöne Haare hast.“
Erschrocken fuhr Cassandra herum. Sie war so in sich selbst versunken gewesen, dass sie Helen, die sich wie immer lautlos an sie heranschlich, nicht bemerkt hatte
[...]
