Leseproben aus "Slowenisches Herz"


Anfang der Geschichte "Hände"

Kaum trete ich aus dem Wohnblock, schließe ich anhand des Kennzeichens, dass es das weiße Auto bei den Garagen sein muss. Ich nähere mich langsam und schaue zerstreut durch die Gegend. Ich werde immer nervöser, weil nichts passiert; sie steigt nicht aus dem Auto, geschweige denn, dass sie mir entgegenkäme, wie ich es mir so schön vorgestellt habe. Ich nehme die Sonnenbrille ab, damit sie mich im Rückspiegel erkennt. Ob sie es überhaupt ist? Vielleicht ist sie gar nicht erst nach Ljubljana gekommen, weil sie die Tiefenreinigung des Autos doch nicht geschafft hatte, was sie mir zwei Stunden vor der Abfahrt überflüssigerweise schrieb.
Die Zeit bleibt nicht stehen, meine Schritte auch nicht und ich komme am Auto an, die Frau am Lenkrad rührt sich nicht, sie wendet nur den Kopf, vielleicht um zehn Grad, und starrt weiter vor sich hin. Ich bin nicht imstande, an die Scheibe zu klopfen und sie damit deutlich darauf hinzuweisen, dass sie aus dem Auto steigen und von mir Notiz nehmen soll. Unentschlossen öffne ich die Beifahrertür; ich fühle mich, als würde ich ins Unbekannte eindringen.
Sie sitzt am Lenkrad mit einer großen Sonnenbrille und offenem Haar. Ich erkenne sie nicht hinter dem üppigen Haarvorhang, aber ich habe sie auch noch nie gesehen. Vor zehn Jahren waren wir an denselben Orten unterwegs, und ich wusste, dass das Mädchen, das mit mir damals gemailt hatte, mich in Ljubljana in der Szene sah. 
Sie sitzt wie festgekettet da und ich spüre ihre Nervosität. Ich sage an der geöffneten Tür: „Hallo.“ Ist das wirklich die Frau, mit der ich eine Woche lang über Sex gechattet habe? Endlich grüßt sie zurück, ohne den Kopf zu wenden, und deshalb weiß ich, dass sie sich in Wirklichkeit vollkommen auf mich fokussiert. Trotz des wachsenden Unbehagens harre ich aus und warte, dass sie aussteigt, mir direkt in die Augen schaut und mir die Hand gibt. Denn für meine Begriffe sehen wir uns zum ersten Mal. Sie fragt aber nur lässig, warum ich die ganze Zeit draußen stehe. Ich steige ein und werde verlegen, weil es mir viel intimer als die Messages vorkommt, in denen sie mir schrieb, dass sie in meinem Mund kommen möchte. 
Sie schaut auf das Handy auf dem Sitz zwischen ihren Beinen, lässt den Motor an und dreht entschlossen das Lenkrad. Beim Rückwärtsfahren fragt sie mich, wohin. Ich schnalle mich endlich an und zucke mit den Schultern. „Also? Führe mich“, insistiert sie. „Ich kenne Ljubljana nicht.“ Mich kennt sie auch nicht.
Ich lasse das Navi in meinem Kopf rechnen und suche nach dem besten Weg zum nächsten Lokal. Livada fällt mir ein, weil es dort keine Probleme mit den Parkplätzen gibt. Ich spiele Autopilot, obwohl ich keine Ahnung habe, wie man durch Ljubljana fährt. Ich spiele souveräne kurze Anweisungen vor: „Links, rechts, geradeaus.“ Mit einem Seitenblick verfolge ich ihre Hand an der Schaltung. An den Gelenken hat sie vier tätowierte schwarz-blaue Sterne, die ich sofort von den Fotos wiedererkenne, die sie im Messenger schickte. Natürlich ist sie das, was habe ich denn. Und was habe ich denn, dass ich mit einer Unbekannten date? Was weiß ich überhaupt über sie? Das ist doch ein Date? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein Blind Date hatte, bei dem man mit einer unbekannten Person trinken geht und weiß, dass man irgendwas reden muss. Worüber redet man bei so einer Gelegenheit? Was ist überhaupt small talk? Bedeutungslose Gespräche.
Beim Fahren reden wir nicht, ich navigiere sie nur und denke die ganze Zeit, dass ich mich an der nächsten Kreuzung bestimmt vertue. Ich vertue mich immer, wenn ich führe.
Taja fährt lässig und sicher. Ihren Namen kenne ich, seit sie mir vor zehn Jahren eine Mail schickte. Auf ihrem Facebook-Profil hat sie neuerdings das Pseudonym Small Bear, am ehesten wohl wegen Tinder. Ich habe in ihrer Chronik nie was gelikt. Auf allen Fotos versteckt sie sich hinter Grimassen und das hat mich immer abgestoßen. Die meisten Beiträge habe ich verpasst und das wurde mir vor sieben Tagen bewusst, als wir uns zu schreiben begannen und ich sofort ihre Chronik durchschnüffelte. Vor vielen Jahren sah ich ein Gruppenfoto von jungen Mädchen in einem lesbischen Fanzine. Taja saß auf dem Boden mit einer Zigarette im Mund und ihr zorniger Blick prallte gegen die Kamera. Ich dachte, dieses Mädchen, das mir da schreibt, ist hübsch, aber viel zu jung.
„Und jetzt immer geradeaus?“, fragt sie. Ich nicke. Sie fährt weiter, die Linke auf dem Lenkrad, die Rechte mit den Sternen auf der Schaltung. Das ist die Hälfte der Haltung, die mir später, sehr bald, schon in ein paar Tagen, den Kopf verdrehen würde. Die andere Hälfte wäre, dass sie sich zu mir neigen, mir frech in die Augen schauen und mich fragen würde, was mich anmacht. Ihre Rechte würde von der Schaltung auf mein Knie und die Schenkelinnenseite gleiten, ihr Blick würde von der Straße in meinen Schritt wandern und hin und her wechseln, mit einer Hand würde sie das Lenkrad halten und mich mit der anderen bis zu den Sternen ficken und das Beben in mir steuern. [...] 

Die Schere

Auf der ganzen Welt gab es keinen einzigen Menschen, der es gewagt hätte, uns zu verarschen. Und wer Stuss redete, bekam gleich eins auf die Fresse. Das wurde auch immer seltener nötig.
Mein Opa wurde einmal überfahren. Er war nämlich Berufsfahrer und fuhr von der Fleischfabrik Würste zu den Metzgergeschäften aus. Er hätte schon längst in Rente sein sollen, aber die Achtung, die er sich erworben hatte, reichte weit über seine Berufszeit hinaus. Der Arbeitgeber ließ ihn nicht gehen. Die Mitarbeiter mochten ihn wie den eigenen Vater, Bruder, Onkel oder die Tante. Noch spätabends hielten sie ihn in der Kneipe fest.
Eines Nachts hatte er mit ihnen bis zur Besinnungslosigkeit getrunken und setzte sich ans Steuer, weil er kein Schisser war, der unter Dampf nicht fahren konnte. Am nächsten Morgen fanden die Polizisten seinen Lkw umgekippt im Graben, und er selbst lag auf der Straße und pennte mit einem Wurstkranz unter dem Kopf. Sie dachten, er wäre tot. Aber nach der Untersuchung und Ausnüchterung kam er aus dem Krankenhaus gleich nach Hause. Unverletzt. Oma legte seine verdreckten Klamotten in die Waschmaschine und entdeckte auf dem Rücken des Arbeitskittels den schlammigen Abdruck eines Autoreifens. Opa hatte den Kittel an, als er von den Polizisten gefunden wurde. Oma zog daraus den richtigen Schluss, dass Opa von seinem Lkw überfahren wurde. Sie nahm den Kittel und zeigte ihn allen Nachbarn in unserer Straße und dann noch zwei weiteren in der nächsten Straße. Mein Opa, der bekannte und geachtete Onkel Pišta, war vom Lkw überfahren worden. Und blieb dabei unverletzt. Einfach sagenhaft. Der Lkw konnte ihm nichts. Es wird nicht umsonst gesagt, dass man Glück hat, betrunken einen Unfall zu haben. Nüchtern wird man schnell verletzt. Fragt die Ärzte!
Mein Papa war einmalig. Er kam immer gerade so aus der Scheiße heraus, die ihm vom Leben ständig untergeschoben wurde. Und von den ganzen Idioten um ihn herum auch! Aber ihn konnte man nicht verarschen. Unter den Kollegen war er als der Wikinger bekannt, weil er immer und überall siegte. Er brach allen die Knochen, wenn es sein musste. So war mein Papa, der stärkste Mann auf der Welt. Wisst ihr, was das für ein Wahnsinnsglück ist, so einen Papa zu haben? Als Kind lebte ich in hundertprozentiger Sicherheit.
Ich vergesse nie den Tag, als Nachbars Darko mit dem Luftgewehr schoss. Wir hatten neun Katzen, und denen konnte auch keiner was! Darko war siebzehn Jahre alt, hatte ein Luftgewehr und war dreimaliger (örtlicher) Jugendmeister im Judo. Aber als er heimlich auf unsere Katze zielte, hatte er sich ganz schön vertan. Ich erwischte ihn und drohte ihm an, dass er seine Zähne einzeln vom Boden aufsammeln müsse. Er zeigte mir den Stinkefinger. Das macht man nicht. Ich verpetzte ihn bei meinem Papa, sobald er von der Arbeit gekommen war und im Hof einparkte. Er ging wortlos in Nachbars Garten. Darko warf sich in Kampfpose und zielte. Total bescheuert. Mein Papa riss ihm das Luftgewehr aus der Hand und brach es am Baumstamm entzwei, als wäre es nichts. Dann packte er Darko am Nacken, hob ihn hoch und knallte ihn auf den Boden, dass er sich wie ein Hampelmann auf seinen dicken Arsch setzte. Er solle sich sein Judo sonst wohin stecken, sagte mein Papa noch und verließ Nachbars Garten.
So sicher war ich bei meinem Papa Wikinger.
Meine Mama behauptete, dass Sicherheit über alles geht. In ihrem Leben lief alles richtig. Einmal ließ sie mich kochend heißen Tee probieren, und ich verbrannte mir mächtig die Zunge. Nie wieder trank ich heiße Getränke. Ich war für immer von der Naivität geheilt. Auch bei Tisch wusste ich mich zu benehmen und achtzugeben. Ich verschlang keine brutzelnden Speisen, schnitt das Brot nicht mit dem großen scharfen Messer, nippte nicht am heißen Kaffee und rauchte nicht. Weil mir alle Gefahren bereits zu Hause beigebracht wurden. Keiner konnte mich verarschen und mir eine Zigarette anbieten, weil das schon mein Papa getan hatte, und als ich daran zog, wäre ich am Rauch fast erstickt. Alle lachten und Oma sagte: „Besser, wenn wir über dich lachen als irgendwelche blöden fremden Leute.“
Meine Oma war am schlausten. Man erzählte sich, dass sie die ganze Weisheit der Welt mit Löffeln gefressen hatte. Und dass ihr keiner das Wasser reichen konnte. So ein schlauer Kopf war sie. Sie blieb keinem was schuldig und nie war sie um eine Antwort verlegen. Ich nahm es mit ihr manchmal auf, und immer gab sie mir den Rest. Wenn ich auch einmal so ein schlauer Kopf werde, schwinge ich in unserer Straße das große Wort. Aber vorerst war ich nur ihr Lehrmädchen, das heißt ihre Schülerin in der Schlagfertigkeit.
Und ich? Oh, ich war auch nicht so leicht übers Ohr zu hauen. Ich war mein eigener Herr. Herr meines eigenen Körpers, wie Mamas Lieblingsfilm hieß. Fremde Menschen lernte ich zum ersten Mal in der Schule kennen. Viele Dummköpfe. Inzwischen war ich schon in der sechsten Klasse und dreizehn Jahre alt. Letztens stellte mir der Schwachkopf Miro aus der achten Klasse ein Bein und dann schubste er mich auch noch im Korridor. Seitdem ärgerte er mich in jeder Pause. Ich erzählte es zu Hause am Tisch. Opa fragte, wer der Penner sei. Er würde ihm so einen Tritt verpassen, wenn er ihn auf der Straße treffen würde, dass sein Schuh in dessen Arsch stecken bleiben würde. Oma fragte, aus welcher Familie er sei, damit sie eine tote Schlange auf die Schwelle der Haustür legen könne. Mama sagte, ich solle ihn der Lehrerin melden oder, noch besser, im Korridor so tun, als wäre ich von allein gestolpert, damit ihm die Freude am Beinstellen verginge. Und Papa sagte:
„Was überlegst du denn überhaupt? Hau ihm eine rein, dass er Sterne sieht!“
Ich hatte aber auch Geheimnisse, sogar vor meiner Familie. In der Pause gab ich Meri aus der Parallelklasse eine Schokolade. Sie nahm meine Hand, führte mich in eine WC-Kabine, sperrte zu und sah mich mit leuchtenden Augen an. Ich dachte, dass sie für die Schokolade dankbar ist. Sie hielt mich noch immer an der Hand und fragte: „Gibst du mir Milch zu trinken?“ Ich zuckte mit den Schultern und nickte halb. Ich verstand nicht, was sie von mir wollte. Sie ließ meine Hand los, fasste unter mein T-Shirt und drückte meine unreifen Brüste, und dann jede Brustwarze einzeln. „Du hast schon ganz schön große Brüste“, sagte sie dumpf. „Weißt du, ich muss ein bisschen drücken, damit die Milch kommt.“ Beide wussten wir, dass es keine Milch gibt. Seitdem tauschten wir in der großen Pause Schokoladen, Äpfel und Bananen und drückten uns in der WC-Kabine gegenseitig die Brüste. Zuletzt saugte ich an ihren Brustwarzen und spielte, dass ich leckere Milch trinke. Meri stöhnte vor Schmerz und sagte, dass wir beim nächsten Mal das zwischen den Beinen machen. Aber sie suchte mich danach nicht mehr im Korridor, und wenn wir uns trafen, sah sie weg. Ihr großer Bruder trat mir gegen den Unterschenkel. Zu Hause sagte ich lieber, ich wäre gestolpert. Ich sagte nicht, dass er mich als Homofrau beschimpfte. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet, aber bestimmt nichts Gutes.
Daraufhin habe ich beschlossen, selbst dafür zu sorgen, dass Miro ein ganzes Sonnensystem sieht oder auch zwei. In der Pause schlug ich ihm mit der Faust in die Nieren, trat ihm gegen den Unterschenkel, dass er sich krümmte, und dann rammte ich ihm mein Knie gegen den Kopf.
Das hatte ich mal in einem Western gesehen, wie sie sich im Saloon prügelten. Während er die Sterne zählte, haute ich aufs Klo ab. Meri rannte mir hinterher und stürzte in die Kabine. Sie griff nach meiner Hand, hob den Rock hoch, drückte meine Hand in den Schlüpfer und bettelte, ich solle ihren Bruder nicht schlagen. Stur riss ich meine Hand aus ihrer lächerlich großen Unterhose, versteckte sie hinter dem Rücken und sagte stolz:
„Mir scheißt niemand in den Kopf! Ist das klar? Hau ab, du Petze, du Lügnerin!“
So verpasste ich das „zwischen den Beinen“ für einige Jahre. Nach Hause kam ich verdrossen. Ich glaube, so sagt man das. Es ist eben nicht leicht, sich von niemandem verarschen zu lassen.
Papa kam vorzeitig von der Arbeit nach Hause, gefährlich gut gelaunt und redselig. Ich wusste, dass er eine Weinfahne hatte, noch bevor ich sie roch.
„Fahren wir spazieren?“, fragte ich.
Ich wusste, wie schnell mein Papa fährt, wenn er blau ist. Ich wollte meine Hand unter Meris Rock und die Beschimpfung von ihrem Bruder vergessen. Papa war meine Rettung. Wir ließen das Mittagessen stehen und setzten uns in seinen grünen BMW.
Als wir aus unserer Straße auf die Landstraße Richtung Kroatien einbogen, schaltete er das Autoradio ein und schob eine Kassette ins Fach. Es war sehr modern, einen Recorder im Auto zu haben. Man hörte, worauf man Lust hatte, und wurde nicht von irgendeinem Geschwätz im Radio genervt. Seine Lieblingssänger sangen traurig Mutter, ich bin verflucht oder alles nur deinetwegen. Lola sang liebe mich oder verlasse mich. Die besten Hits waren die, die mit mexikanischem heulendem ayayayaaay begannen und auf jeden Fall von Palomas sangen. So einen hörten wir gerade, als wir plötzlich von einem schmutzigfarbenen Mercedes überholt wurden.
„Ich ficke deine ranzige Sonne, glaubst du, dass du mich überholen kannst?“, stieß Papa Wikinger einen Fluch aus, trat aufs Gas und die Verfolgungsjagd begann.
Er fluchte die ganze Zeit bei der Jagd nach dem Mercedes. Glaubt ihr, dass ein Mercedes einen BMW verarschen darf? Jawohl, wenn an der Weide Äpfel wachsen. Oder wenn die Katze Ferkel kriegt.
Der BMW war dem Mercedes schon dicht am Arsch. Dann bog Papa schnell ab, überholte ihn von links, gab noch mehr Gas und wir waren gleichauf. Aus der Gegenrichtung näherte sich ein Auto. Der Mercedes drosselte seine Geschwindigkeit nicht. Und unser BMW würde nie im Leben nachgeben. Das andere Auto kam immer näher. Wir waren in einer Schere. Unser Lieblingsspiel!
Papa verfluchte den blöden Mercedes, der nicht weichen wollte und den er alle machen würde. Er drehte das Steuer immer mal nach rechts und drohte, den Mercedes in den Straßengraben zu stoßen. Ich schaute zum Fahrer und deutete Spucken an. Das dritte Auto kam mit unverminderter Geschwindigkeit näher; offensichtlich noch so einer, der sich nichts gefallen ließ. Und unser BMW mittendrin. Die Schere schloss sich immer schneller und unaufhaltsamer. Das machte mir etwas zwischen den Beinen, etwas, was mir Meri nicht gemacht, sondern nur versprochen hatte. Jetzt saß ich hier auf dem Beifahrersitz im BMW und spannte die Muskeln vor der nahenden Gefahr, ich war voll angespannt und sicher in der Schere, wenn mein Papa fuhr, der umsichtigste Fahrer auf der Welt. Nie wurde er von einer Schere zerschnitten, sondern nur vom Leben.
Was konnte ihm schon so ein kackbrauner Mercedes anhaben? Als ich dann auch mit den Fußsohlen drückte, auf ein eingebildetes Gaspedal oder eine Bremse, pulsierten die immer gefährlicheren Hundertstelsekunden in meinem Körper, trieben das reißende Blut durch die Adern und verlängerten das Leben. Nur deshalb lebe ich noch!
Der BMW und der Mercedes waren alte Rivalen. Unser BMW musste sich entscheiden. Die Schere ging zu. Schnippschnapp. Geradeaus fahren und mit aller Wucht in das entgegenfahrende Auto krachen oder nach rechts abbiegen, direkt in den Mercedes hinein, wenn er die Geschwindigkeit nicht drosselt, und sich von rechts drankleben. Das wäre ein Schrotthaufen geworden, wenn nicht der Sieger Wiking, mein Papa, am Steuer gesessen hätte. Ich fragte mich, wie wir diesmal da rauskommen. Ich war mir aber sicher, dass wir es schaffen. Schnippschnapp. Papa bog schnell nach rechts ab, in den Mercedes, der in dem Augenblick nachgab und die Geschwindigkeit so rasant drosselte, dass es ihn auf den Straßenrand trug. Als wir auf dem rechten Streifen weiterfuhren, schoss der Zastava 101 an uns vorbei, und der Fahrer hupte und drohte mit dem Finger wie ein Irrer.
„Was hupst du denn, als wärst du das beschissene Rote Kreuz?“, schrien wir ihn routiniert an. Papa bog nach rechts ab, hielt am Straßenrand, und endlich konnten wir uns auf die Oberschenkel schlagen, mit den Händen klatschen und schreien, wie der Zastava 101 den Mercedes besiegt hatte, der sich vor Angst vor dem BMW in die Hosen machte. Da fühlte ich, was „zwischen den Beinen“ bedeutet, wie Meri es gesagt hatte. Das bedeutet, wie verrückt in die Schere zu rasen, und wenn sie dich Schnippschnapp schneidet, von all dem Guten und Schnellen den Verstand zu verlieren.

Schnippschnapp Schnippschnapp Schnippschnapp Schnippschnapp Schnippschnapp Schnippschnapp Schnippschnapp Schnippschnapp Schnippschnapp

Auf der Straße zu gewinnen ist leicht, aber im Leben ist die Schere scharf! Das sagte meine Oma, der schlaue Kopf vom Dienst in unserer Straße, wenn sie in die Stadt aufbrach. Sie ging einmal in der Woche in den großen Laden oder ins Kino oder zum Arzt oder in die Kirche oder in die Samenhandlung. Immer nur einmal in der Woche und immer mit einem triftigen Grund. Auf die Weise war sie an vielen religiösen Feiertagen nicht in der Kirche, weil sie in jener Woche ihren Ausgang in die Stadt bereits für etwas Nötigeres verbraucht hatte.
„Nur Taugenichtse und Habenichtse treiben sich den lieben langen Tag in der Stadt herum“, sagte sie immer wieder gern. Und sie warnte mich klug, mich nie ohne einen Grund in der Stadt herumzutreiben, weil die Leute denken könnten, dass ich arm oder bescheuert bin.
An jenem Tag fügte sie noch hinzu, dass auf der Straße jeder Suffkopf gewinnen kann, aber vom Leben einem Habenichts nichts geschenkt wird. Dann ging sie in die Stadt zum Friseur, für den sie in ihrem wöchentlichen Ausgang den Arztbesuch wegließ. Sie versäumte ihn auch in der darauffolgenden Woche, weil sie dringend in die nahe österreichischen Stadt wegen eines preiswerten Eimers Reis mit versteckter Uhr fahren musste. Und in der Woche darauf war das Rattengift dran, weil sich in der Garage die Ratten vermehrt hatten. Woche für Woche besorgte sie Mantelknöpfe, kaufte ein neues Traumbuch, trank bei der Patin Kaffee, sah sich im Kino Psycho an … Und schließlich holte sie sich eine neue Gartenschere, mit der sie auch Hühnerfleisch und Knochen schnitt. Nie war sie zu einer Untersuchung in die Poliklinik gegangen, bevor sie im Januar mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Auch dort behauptete sie noch, eine Blinddarmentzündung zu haben, obwohl alle wussten, dass ihr der Blinddarm vor Langem rausoperiert worden war … Sie hatte Magenkrebs und anderen Krebs, und „den können wir nicht mehr rausschneiden“, flüsterten uns die Ärzte in einem hellen Korridor zu. Nach einem guten halben Jahr schnitt das Leben die Oma von sich ab. Schnipp.
Seitdem ging ich noch lieber in die Schule, weil dort nicht gestorben wurde. Im Korridor schaute mir Meri mit ihren Kuhaugen noch immer hinterher. Abgesehen davon, wie sehr ich das zwischen den Beinen ausprobieren wollte, musste ich mich zu dieser Zeit mehr mit dem Sterben als dem Leben beschäftigen.
Nach Omas Tod ging Opa nicht mehr zur Arbeit und unter die Leute, er fuhr nicht mehr Auto, trank nicht und sprach mit niemanden mehr. Auch zu Hause nicht. Er aß nur noch dünne Suppen, bis er eines Tages, als er im Garten sitzend ins Leere starrte, einfach ausgetrocknet war. Das, was die Sanitäter auf der Trage mitnahmen und später die Bestatter auf die Bahre legten, sah Opa und auch überhaupt niemandem ähnlich, vielleicht nur noch einem brüchigen Pergament mit einer leichten Spur von Autoreifen. Das Leben, viel schwerer als der Lkw, hatte ihn überfahren. Schnapp.
Bloß gut, dass ich neun Katzen hatte, meine neun Leben. Sie liefen mir hinterher, und ich ging mit ihnen spazieren, am liebsten in Nachbars Garten, wo wir Darko erschreckten. Die Katzen sprangen unerwartet von den Ästen auf seinen Rücken und Nacken, und als der Judomeister vor Entsetzen sprang und schrie, machte es etwas zwischen meinen Beinen, und die Todesfälle in meiner Familie wurden erträglicher. Mich und unsere Katzen durfte niemand verarschen. 
Man muss für Sicherheit sorgen! Das hatte Mama gesagt und kaufte Lebensmittel und Kleidung für mindestens zwei Weltkriege. Wir sollten zu Hause bleiben, sagte sie, und nirgendwohin gehen, flehte sie mich und ihren Mann Wikinger an. Aber Papa wollte zur Arbeit, wollte auf die Jagd auf Mercedesse und die Fahrt in der Schere nicht verzichten. Und ich wollte keine einzige Unterrichtsstunde verpassen. Vielleicht hoffte ich noch immer, dass ich Meri doch nachgebe, damit sie wieder meine Freundin wird und wir das zwischen den Beinen endlich machen. Aber nein! Mich konnte man nicht so leicht verarschen!
Dann blieb Mama allein zu Hause und ging nicht mehr raus. Sie trug Papa und mir auf, allen zu sagen, dass sie gestorben wäre und in einem nicht bezeichneten Grab am Friedhofsrand eingebuddelt würde. Denn wenn sie sich selbst für tot erklärte, würden die Krankheiten und der Tod an ihr vorbeiziehen, sie übersehen. Sicherheit über alles! Aber im Haus eingeschlossen wurde sie vom Leben übersehen. Schnipp.
Seitdem bekam ich in der Schule kostenloses Pausenbrot und Mittagessen, da ich ja eine Waise ohne Mutter war. Ich erzählte es so, wie sie es mir aufgetragen hatte. Meri bedauerte mich noch mehr, aber nicht nur sie, sondern auch Leja, Natalija und sogar Marta aus der achten Klasse. Plötzlich stiegen meine Chancen auf das zwischen den Beinen wieder. Und ich konnte mir Zeit damit lassen auszusuchen, mit wem …
Papa blieb immer öfter von der Arbeit, aber auch von zu Hause weg. Halbtot schleppte er sich manchmal spätabends oder am frühen Morgen heim. Seine Tage und Nächte waren plötzlich voller Junggesellenabende, Mannschaftsrückspielen, dringenden Reparaturen, Geburtstagsfeiern … „Und Alkohol und Huren!“, schrie Mama, eingeschlossen im Haus und in Sicherheit vor den Krankheiten, dem Tod, der Trennung, den niederträchtigen Leuten und anderen Plagen, einschließlich des Lebens. An jenem Vormittag hatte sich Papa betrunken aus der Stadt heimgeschleppt, und er hatte keine Lust auf Beleidigungen wegen Trunkenheit und Hurerei. Er fluchte und nahm den BMW-Schlüssel. Ich lief ihm hinterher nach draußen auf die Zufahrt und sprang ungebeten auf den Beifahrersitz. Wir fuhren nach Čakovac, hörten mexikanische Palomas Blancas, und als der erste Sänger traurig ich bin so arm von meiner Kindheit an intonierte und ein anderer du verfluchtes, böses Schicksal, Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren, wenn ich kein Glück habe, sang, begann der Kassettenrecorder zu leiern. Papa fluchte wüst, riss die Klappe mit Gewalt auf, zog die Kassette heraus und warf sie beim Fahren aus dem Fenster. Aus dem Recorder schleifte noch lange das angerissene Band und flatterte hinter dem BMW her.
Dann fuhren wir bis Čakovac noch ein paar Mal in die Schere und erledigten ein paar Merces und einen Alfa mit Schweizer Kennzeichen; dem Saporoshez, der uns durch seine Langsamkeit genervt hatte, lehnte sich Papa kurz an die Stoßstange, denn „bitte schön, so was gehört nicht auf die Straße, diese beschissene kommunistische Kiste hat ein Auto nicht mal aus der Ferne gesehen!“
Und jedes Mal, wenn wir in der Schere waren, schwebte ich wegen der am ganzen Körper angespannten Muskeln fast über dem Sitz, und jedes Mal wurde es mir heiß zwischen den Beinen.
Papa hielt am Anfang unserer Straße, öffnete die Beifahrertür und forderte mich düster auf, auszusteigen und zu meiner eingeschlossenen Mutter zu gehen. Als ich mich, mit einem Fuß schon draußen, noch einmal verwundert zu ihm umwandte, sah ich Tränen in seinen Augen. Mir war danach, ihn zu schlagen, meinen Wikinger, den stärksten Vater auf der Welt, der so ein Weichei geworden war. Ich stieg aus und knallte die Tür zu – so ließ man den anderen wissen, dass er sich ins Knie ficken solle, ohne es direkt zu sagen, sondern mehr so symbolisch. Papa fuhr mit quietschenden Reifen weg; das war auch so eine Mitteilung, mit der man sagte, nicht mehr wiederzukommen. Schnapp.
Ich lief allein nach Hause zurück. Neun Katzen kamen mir entgegen. Ich fragte meine schlauen Katzen, was ich jetzt mit mir und meinem Leben anfangen solle, nachdem ich mich mit Papa nie mehr in die Schere drängen und mich ganz sicher fühlen würde? Und wie würde ich dann, irgendwann einmal, die finden, bei der das etwas zwischen meinen Beinen wird …
Die Katzen hoben klug ihre Schwänze, denn nach Omas Tod waren sie die schlausten in der Nachbarschaft und in der Stadt, überholten mich unhörbar auf ihren weichen Pfötchen, und diesmal führten sie mich auf der Straße an. Ich lächelte vor mich hin.
Ich hatte meine neun Katzen, meine neun Leben, und niemand schiss mir in den Kopf.