Salean A. Maiwald: Schwebebahn zum Mond

Leseprobe


Tamara presste das Gesicht gegen die Scheibe. Ein langgezogener Laut erklang, schwoll zu einem nicht endenden Iiiiiiii an. Aus dem Dunkel kam ein helles, großes Licht näher, das ein Ungetüm hinter sich herzog. Die Schwebebahn glich einer riesigen Raupe mit gelbleuchtenden Flecken auf dem Leib. Die Dunkelheit versteckte die gewaltigen Eisenträger und das Schienenband, an dem die Bahn hing. Es sah so aus, als würde sie unten im Tal etliche Meter über dem Erdboden schweben. Langsam und quietschend fuhr sie in den Bahnhof Hammerstein ein.

 

Trotz der Entfernung konnte Tamara erkennen, dass die Bahn voller Menschen war, und sie kamen ihr vor wie in einem Scherenschnitt auf gelbem Papier. Fahrgäste stiegen aus, aber die Mutter würde nicht unter ihnen sein, sie musste länger arbeiten, es gab zurzeit viele eilige Fristsachen in der Anwaltskanzlei zu tippen. Die Bahn fuhr weiter, und Tamara folgte mit ihrem Blick der fast schon unwirklichen Erscheinung, bis sie hinter alten Fachwerkhäusern verschwand.

 

Sie stieg vom Stuhl und stieß mit der Fußspitze gegen einen Stapel Brigitte- und Constanze-Zeitschriften, die Mutter seit Jahren sammelte. Stoffe und Schnittmusterbögen türmten sich an den Wänden neben dem Ehebett, dem breiten Kleiderschrank und der Frisierkommode. Tamara hob mit spitzen Fingern ein langes Abendkleid aus Samt auf, das von der Nähmaschine gerutscht war, und hängte es über das Schwungrad der Maschine. Sie bückte sich und ordnete einen Stapel Zeitschriften, der auf ihr Kopfkissen zu fallen drohte. Dass ich immer noch mit Mutter im Ehebett schlafen muss! Und dann auch noch ihr Blick, wenn meine Hände nicht auf dem Oberbett, sondern darunter liegen.

 

Sie ging in die Wohnküche und schaltete das Radio an, gleich kämen die Nachrichten. Tamara ließ den Wasserkessel volllaufen und rieb den Feuerstein des Gasanzünders, bis sich die Flamme am Herd entzündete. Die Aluminiumschüssel mit dem benutzten Geschirr klirrte, als Tamara sie in das Spülbecken aus Steinguss stellte. Sie gab einen Spritzer Spülmittel hinzu und lauschte dem Radiosprecher. Papst Paul VI. hatte Bundeskanzler Adenauer zu einer Privataudienz empfangen und ihm den Christusorden für seine Verdienste um die römisch-katholische Kirche überreicht.

 

»Audienz …« Tamara wiederholte das Wort. Sie mochte Fremdwörter, ihren geheimnisvollen Klang. Auf dem Wunschzettel für Weihnachten hatte sie bereits in Gedanken einen Fremdwörterduden notiert. Der Wasserkessel pfiff. Sie goss heißes Wasser in die Schüssel, spülte ab, verteilte IMI im Waschbecken und scheuerte mit der Bürste. Mutter kontrollierte, ob Speisereste im Becken klebten. Ihr bloß keinen Anlass zur schlechten Laune geben. Tamara schlug die Bürste am Beckenrand aus. Heute sprech ich mit ihr über das Gymnasium, auch wenn sie Kopfschmerzen hat oder nichts davon hören will.

 

Tamara beschloss, noch ein wenig nach draußen zu gehen. Detlev übernachtete bei seinem Freund. Ärger stieg in ihr auf. Nie würde sie verwinden, dass der kleine Bruder und nicht sie das Zimmer auf der Etage bekommen hatte, die sie gemeinsam mit Fräulein Kaul bewohnten. Als das alte Fräulein ihnen das Zimmer überließ, hatte Mutter rigoros entschieden, dass Detlev ja wohl nicht neben ihr im Ehebett schlafen könne. Tamara schlüpfte in die Strickjacke und zog ihr schulterlanges dunkelblondes Haar unter dem Jackenkragen hervor. Sie strich über das Muttermal auf ihrer Nasenspitze. Sie würde es später mal wegmachen lassen.

 

Im Treppenhaus wich sie unwillkürlich den knarrenden Stellen auf der Holztreppe aus und ging im ersten Stock auf Zehenspitzen an Herrn Gurbs Etagentür vorbei. In Gedanken nannte sie ihn öfters Pianist. Er war kürzlich pensioniert worden und spielte nun täglich Klavier. Als sie vor Jahren das erste Mal in seiner Wohnung gewesen war, hatte sie entdeckt, dass das Klavier an der gleichen Stelle stand, an der sie einen Stock höher neben der Mutter im Ehebett lag.

 

Gurbs Wohnzimmer war das schönste Zimmer, das sie kannte. Das Bücherregal reichte bis zur Decke, und um den ovalen Tisch standen Stühle mit hohen Rückenlehnen. Unwillkürlich hatte es Tamara zu dem schwarz glänzenden Klavier gezogen. Echte Kerzen brannten in silberfarbenen Halterungen. Gurb hatte sich auf den Klavierhocker gesetzt und gesagt, dass er etwas aus der Mondscheinsonate spielen würde.

 

Ab und zu hatte Tamara bei den Gurbs geklingelt, um etwas für Mutter auszuleihen, eine Zange oder einen besonders großen Hammer aus Herrn Gurbs Werkzeugkiste. Er war ja der einzige Mann im Haus. Jedes Mal hatte er ihr vorgespielt. Sie saß dann auf einem der Stühle mit den hohen Lehnen und sah seinen Fingern zu, wie sie über die weißen und schwarzen Tasten schwebten, sich krümmten, sich streckten. Einmal hatte sie ihm gesagt, dass sie es schön finde, wenn sie ihn oben in ihrer Wohnung spielen hörte. Zu ihrem zehnten Geburtstag hatte er ihr eine Schallplatte mit kurzen Klavierstücken in die Hand gedrückt, »damit du weißt, was ich spiele.«

 

Vor zwei Jahren war Frau Gurb gestorben, und als Tamara ihn danach besuchte, hatte er sie zum Abschied fest an sich gezogen. Sie hatte dabei an die tote Frau Gurb denken müssen und sich nur wenig gegen seine Umarmung gesträubt. Beim nächsten Besuch hatte er mitten im Klavierspiel aufgehört und sie so merkwürdig angesehen, dass ihr unheimlich geworden war. Danach war sie nicht mehr zu ihm in die Wohnung gegangen, und wenn sie sich zufällig begegneten, schaute sie immer schnell weg, bekam aber trotzdem eine Gänsehaut.

 

© konkursbuchverlag Claudia Gehrke