Leseprobe aus "Die Putzhilfe"

Kapitel 3

Franziska begegnete der Frau das erste Mal direkt nach Caspar David Friedrich. Ein Zufall. Oder vielleicht war es auch Schicksal, wie die Frau später oft behauptete: Das muss Schicksal sein! Wie soll man das denn sonst nennen? Das Schicksal hat uns zusammengeführt! Daran glaubte Franziska allerdings nicht. Es war kein Schicksal, sondern Glück. Oder Pech, je nachdem. Bald darauf sollte sie ihre Wohnung kennenlernen – bis in die hintersten, ekelhaften Winkel, die Fremden gewöhnlich verborgen bleiben.

 

Franziska kam aus dem dritten Stock und wollte die Alte Nationalgalerie gerade verlassen, um im Café des Bode-Museums Schokoladenkuchen zu essen. Sie freute sich darauf. Seit zwei Monaten stellte der Kuchen den Höhepunkt ihrer Woche dar. Ein Stück Schokoladenkuchen als Höhepunkt der Woche. Wie traurig. Wie erbärmlich. Was war nur aus ihr geworden? Anschließend erwartete sie das dunkle, deprimierende Loch im Parterre mit Blick auf die Mülltonnen und halb tote Sträucher. Ihr neues Zuhause. Doch den Gedanken daran schob sie beiseite. Sie wollte sich noch eine Weile kultiviert fühlen.

 

Und in diesem Moment, als sie das Treppenpodest vor den Ausstellungsräumen im zweiten Stock fast erreicht hatte, geschah es. Eine Frau mit unsicherem, schwankendem Gang taumelte aus der Flügeltür, suchte Halt, fand keinen, sackte zusammen und sank vor Franziskas Augen zu Boden.

 

Ein Schwächeanfall, dachte Franziska. Kreislauf. Unterzuckerung. Etwas mit dem Herzen. Was auch immer es war, sie wollte damit nichts zu tun haben.

 

Sie sah sich um. Niemand in der Nähe, kein Museumsaufseher, keine Besucher. Es war ein Nachmittag im Januar und die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel nicht besonders gut besucht. Ein Grund, warum Franziska sie mochte. Die Silvestertouristen, zu denen sie nicht zählte, waren längst wieder fort, die Einheimischen, zu denen sie noch weniger gehörte, mussten arbeiten, und diejenigen, die nicht arbeiten mussten, gingen nicht ins Museum.

 

Sonst lungerten die Aufseher doch überall herum, kamen um die Ecken geschlichen und wiesen unablässig darauf hin, dass die Handtasche vor dem Bauch zu tragen sei, nicht seitlich oder am Rücken – wo steckten sie jetzt alle? Die Frau lag vor den beiden Bänken, die am Rand des Treppenabsatzes standen, und rührte sich nicht. Ob sie tot war? Plötzlicher Herztod? Um zum Ausgang zu gelangen, musste Franziska direkt an ihr vorbeigehen, es gab keinen anderen Weg. Noch immer stand sie mitten auf der Treppe und wollte nichts damit zu tun haben. Seit zwei Monaten lebte sie heimlich, still, in völliger Abgeschiedenheit. Sie wollte mit niemandem reden. Und hilfsbereit wollte sie erst recht nicht sein. Sie wartete darauf, dass endlich jemand kam, der sich an ihrer Stelle des Problems annehmen würde. Jemand mit Verantwortungsgefühl, jemand, der wusste, was zu tun war. Hätte sie in ihrem früheren Leben auch so lange gezögert?

 

Doch es kam niemand. Nicht von unten, nicht von oben und auch nicht durch die offene Tür aus den Ausstellungsräumen im zweiten Stock. Für einen Moment wirkte die Alte Nationalgalerie vollkommen menschenleer. Nur sie und die Frau auf dem Boden. Sollte Franziska vielleicht rufen? Hilfe, Hilfe? Hallo? Eine Aufsicht suchen?

 

Sie konnte das Ganze ignorieren und einfach gehen, als hätte sie nichts davon mitbekommen. Entweder nach unten zum Ausgang oder zurück in den dritten Stock zu Caspar David Friedrich. Niemand würde davon etwas bemerken. Auch die Frau nicht.

 

Krankenwagen. Aber um einen zu benachrichtigen, hätte Franziska ein Handy gebraucht, und darüber verfügte sie seit zwei Monaten nicht mehr. Und die ganzen Komplikationen, die sich möglicherweise daraus ergaben. Vielleicht müsste sie ihre Personalien angeben. Ihren richtigen Namen, den sie in Berlin noch nie benutzt hatte und auch niemals benutzen würde. Ihre Adresse, unter der sie gar nicht gemeldet war.

 

Kuchen oder Nächstenliebe?

 

Bis vor zwei Monaten hatte Franziska noch nie allein ein Museum besucht. Als Kind mit ihren Eltern oder in der Schule bei Klassenfahrten, später mit Kommilitonen und hin und wieder mit Johannes, ein paar Mal mit Evi. Nie allein. Bisher hatte sie sich nicht allzu viel aus Kunst gemacht. Sie war Soziologin. Affektierte angehende Kunsthistorikerinnen an der Uni waren ihr immer ein Gräuel gewesen. Doch es gab kein Bisher mehr, kein früheres Leben, an das sie nahtlos hätte anschließen können. Es gab nur das traurige Jetzt.

 

Bald nach ihrer Ankunft in Berlin hatte sie sich regelmäßige Fahrten zur Museumsinsel angewöhnt. Für den Eintritt konnte sie sich stundenlang in einem der Museen aufhalten, wenn sie wollte, bis es schloss. Schnell hatte sie eine Vorliebe für die Alte Nationalgalerie entwickelt. Für Caspar David Friedrich, Die Toteninsel von Arnold Böcklin und ein kleines Stillleben mit Rotweinkelch, das außer ihr keiner je zu beachten schien. Museum war viel angenehmer, als den halben Tag sinnlos in der U-Bahn oder der S-Bahn zu sitzen, ohne Ziel, womit sie sich auch die Zeit vertrieb. Museum war kultiviert, und sie wollte nicht ganz vergessen, wie sich das anfühlte. Manchmal saß sie auf einer der Bänke und schrieb in ein elegantes Notizbuch mit schwarzem Einband, das sie sich extra zu diesem Zweck gekauft hatte. Schrei-ben kam einer Existenzberechtigung gleich. Und tatsächlich, es funktionierte, hin und wieder lächelte ein vorbeigehender Besucher sie wohlwollend an. Franziska saß im Museum und schrieb. Es sah wichtig aus. Vielleicht sogar wie die Beschäftigung einer Wissenschaftlerin. Im zweiten Stock traf sie manchmal auf eine Frau, etwas jünger als sie, die auf einem mitgebrachten Klapphocker Stunden vor einem Bild verbrachte. Auch sie schrieb in ein Buch, allerdings viel emsiger als Franziska und nicht so zögerlich. Wahrscheinlich eine Kunstgeschichte-Promovendin. Sie wirkte gar nicht affektiert.

 

Irgendwann, bei der zweiten oder dritten Begegnung, nickten Franziska und sie sich zu. Sie redeten nie miteinander, kein einziges Wort. Nur dieses kurze Nicken als Zeichen, dass sie sich kannten. Das fühlte sich gut an. Als gehörte Franziska noch zum selben Club.

 

Sie schrieb jedoch nichts Geistreiches über Gemälde und auch nichts anderes von hohem Geist. Sie hatte sich vorgenommen, in ihrem Notizbuch die letzten Monate ihres Lebens zu schildern, und tat dies in ungewohnt holperigen und ungelenken Sätzen, die gar nicht von ihr zu stammen schienen. Franziska hatte immer mit großer Leichtigkeit schreiben können, elaboriert, flüssig, elegant.

 

Bevor sie wieder nach Hause fuhr, aß sie jedes Mal Schokoladenkuchen im Bode-Museum. Nach Hause, was für ein unpassender Ausdruck. Sie hatte schnell herausgefunden, dass man das Café des Bode-Museums auch betreten konnte, ohne Eintritt zu zahlen. Solche Dinge – Eintrittskarten fürs Museum, Tickets für die U-Bahn –, an die sie bis vor Kurzem keinen Gedanken verschwendet hätte, waren plötzlich teurer Luxus geworden. Es war nicht zu leugnen: Franziska musste ihr Geld zusammenhalten.

 

Was sollte sie jetzt tun? Am liebsten gar nichts. Doch wenn sie gar nichts tat, wäre sie am Ende noch schuld, falls die Frau starb. Das war mit Sicherheit eine viel zu dramatische Fantasie. So schnell starb man nicht. Franziska konnte die Frau nicht dort liegen lassen und einfach gehen, so verhielt sich keine erwachsene Person. Andererseits spürte sie die fortschreitende Veränderung in sich, die langsam von ihr Besitz ergriff, seit sie so verwildert und isoliert existierte. Inzwischen wäre sie durchaus in der Lage, das Museum zu verlassen, ohne etwas zu unternehmen. Sogar ohne jemandem Bescheid zu sagen. Vielleicht würde sie danach eine Weile grübeln, ob die Frau möglicherweise gestorben war, weil sie keine Hilfe geholt hatte, aber damit würde sie leben können. Es wäre nicht das Schlimmste gewesen, womit sie leben musste.

 

Widerwillig und sehr langsam setzte Franziska sich in Bewegung, ging die letzten Treppenstufen nach unten und näherte sich der Frau. Sie war auf ihre Handtasche gefallen und hatte die Augen geschlossen. Ende fünfzig oder Anfang sechzig. Auf dezente Art sehr gut gekleidet. Teure Materialien. Guter Haarschnitt, noch ganz frisch. Ging wohl oft zum Friseur. Sich um eine hilflose Person mit sauberer Kleidung und gewaschenen Haaren zu kümmern, fiel nicht ganz so schwer. Franziska kniete sich neben sie. Und nun? Stabile Seitenlage vielleicht. Wie ging die stabile Seitenlage noch gleich? Und war sie überhaupt in jeder Situation das Richtige?

 

Sie hielt sich seit knapp zwei Monaten in Berlin auf und versuchte meistens, sich wie eine Touristin zu benehmen und auch genauso zu denken und fühlen. Ich bin nur vorübergehend hier. Ich bleibe nicht lange. Bald fahre ich wieder nach Hause. – Aber sie fühlte sich kein bisschen wie eine Touristin. Eher wie ein getriebenes Tier, das sich in einer Erdhöhle verkroch und nur gelegentlich an die Oberfläche kam, und wenn, dann voller Angst. Franziska fühlte sich in der viel zu großen und zu lauten Stadt verloren, was allerdings genau das war, was sie jetzt brauchte. Wenn sie sich selbst verloren hatte, galt das doch auch für alle anderen? Andere Leute zogen nach Berlin, damit ihr Leben endlich begann. Franziska Oswald war hierhergekommen, um zu verschwinden.

 

Sie musste auf der Hut sein. Keine Kontakte zu Fremden. Sie sprach nur das Nötigste – Hallo, danke und tschüs an der Supermarktkasse. Man kam, wenn es sein musste, mit erstaunlich wenig Sprache aus. Nachbarn begegnete sie so gut wie nie, und der schmierige Hausverwalter, der ihr das dunkle, viel zu teure Parterreloch im Hinterhof in Neukölln vermietet hatte, mit Blick auf die Mülltonnen und Sträucher voller Plastiktüten, Hundescheiße und alter Pizzaschachteln, wahrscheinlich auch jeder Menge Ratten, hatte nicht das geringste Interesse an ihr gezeigt. Franziska hatte ihr Glück kaum fassen können.

 

Die Frau schlug die Augen auf und blickte leicht irritiert um sich. Sie sah gar nicht so krank aus wie zuerst angenommen. Sicher kein Herzinfarkt. Franziska sollte zusehen, dass sie endlich hier wegkam.

 

Die Frau machte einen Versuch, sich zu erheben, was ihr nicht sofort gelang.

 

 

»Warten Sie, ich helfe Ihnen.«

 

Franziska fasste sie um die Schulter und stützte sie, sodass sie es mit ihrer Hilfe bis zu einer der Bänke schaffte. Dort saß sie dann auf dem Boden, mit dem Rücken an die Bank gelehnt. Warten Sie, ich helfe Ihnen. Aus welchen Tiefen ihres früheren Ichs waren diese Worte entstiegen? Franziska wollte ihr nicht helfen. Sie musste sich beherrschen, um nicht dem fast übermächtigen Drang nachzugeben, auf der Stelle das Museum zu verlassen.

 

 

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

 

»Mir ist plötzlich schwindelig geworden. Danke, dass Sie mir geholfen haben.«

 

Ohne Vorwarnung griff die Frau nach Franziskas Hand, hielt sie fest und drückte sie. Diese Berührung war Franziska zu viel und zu nah. Sie entzog der Frau ihre Hand. Keine Kontakte. Mit niemandem. Sie saß neben einer Fremden auf dem kalten Fußboden, wenigstens auf dem Fußboden eines Museums und nicht irgendwo am Kottbusser Tor, am Hermannplatz oder ähnlich schrecklichen Orten, und fühlte sich um ihren Schokoladenkuchen betrogen.

 

Von unten kamen einige Besucher mit Audio-Guides auf den Ohren. Warum erst jetzt? Warum nicht schon früher? Ein Mann bemerkte Franziska und die Frau auf dem Boden, ging zu ihnen und fragte, ob er helfen könne, ob er einen Notarzt rufen solle.

 

»Nein, bloß kein Notarzt! Mir war nur kurz schwindelig. Eine kleine Absence, weiter nichts. Es geht mir schon wieder gut. Außerdem war diese Frau hier so nett, mir zu helfen.«

 

Kleine Absence. Sehr vornehm. Ein solches Wort passte zu ihrer Kleidung. Sie hatte einen ganz leichten Akzent, kaum merklich. Irgendetwas aus dem Süden, Schwaben oder Baden, das konnte Franziska nicht unterscheiden. Jedenfalls nicht aus Berlin. Gab es in Berlin überhaupt Berliner? Der Mann vergewisserte sich noch einmal, ob ihr wirklich nichts fehle, wünschte dann einen schönen Tag, setzte seine Kopfhörer wieder auf und verschwand in den Ausstellungsräumen.

 

»Vielleicht wäre es aber keine schlechte Idee, wenn Sie sich untersuchen lassen.«

 

»Nein, nein, das war nichts. Mir geht es wieder gut, wirklich. Aber danke, dass Sie sich so viele Gedanken machen. Wären Sie so freundlich, mir noch einmal zu helfen?«

 

Die Frau richtete sich langsam auf, und Franziska stützte sie am Arm, bis sie sicher auf der Bank saß. Franziska setzte sich neben sie. Ein Fehler, wie ihr im selben Moment klar wurde. Nun war es viel schwieriger zu gehen, was sie schon längst hätte tun sollen. Am besten, gleich zur S-Bahn, heute kein Kuchen, um der Frau nicht an anderer Stelle auf der Museumsinsel ein zweites Mal über den Weg zu laufen. Jetzt zu gehen, nachdem sie sich neben sie gesetzt hatte, was eine Art Verbindung zwischen ihnen herstellte, wäre unhöflich gewesen. Doch was kümmerte Franziska Unhöflichkeit? Sie würde die Frau nie wiedersehen. Und selbst wenn, Höflichkeit spielte in ihrem Leben längst keine Rolle mehr.

 

»Wenn es Ihnen wieder besser geht … ich muss jetzt auch los. Ich habe es wirklich sehr eilig. Kommen Sie zurecht?«

 

Franziska war egal, wie es der Frau ging und ob sie zurechtkam, und sie hatte es nicht eilig. Sie hatte sogar alle Zeit der Welt. Sie ging keiner Arbeit nach, und zu Hause wartete niemand auf sie. Kein Mensch, der selbstverständlich davon ausging, dass sie später das Abendessen zubereitete. Es wartete auch kein Haustier. Nicht einmal eine durstige Pflanze. Nur das dunkle Hinterhofloch.

 

»Ach, wie schade. Darf ich Sie nicht wenigstens zu einem Kaffee einladen? Das wäre das Mindeste. Bitte, tun Sie mir den Gefallen!«

 

Keine Kontakte. Keine Kontakte!

 

»Es wäre mir eine Freude. Ich bin Ihnen doch was schuldig.«

 

»Sie sind mir nichts schuldig. Aber gut, dann trinken wir einen Kaffee.«

 

Die Frau reichte ihr die Hand. »Ich heiße Henny. Henny Mangold.«

 

»Marie«, sagte Franziska Oswald. »Marie Weber.«

 

Ich bin Franziska Oswald. Nicht Marie Weber. Ich habe noch nie Tagebuch geschrieben, nicht einmal als Jugendliche. Wozu auch. Bei mir lief immer alles glatt. Schreibt man Tagebuch nicht nur bei Problemen? Jetzt stelle ich fest, dass ich gar nicht richtig weiß, wie das geht. Aber das hier ist auch kein Tagebuch. Das hier sind meine Notate und Reflexionen. Ich bin gar nicht mehr geübt, mit der Hand zu schreiben. Meine Schrift sieht seltsam aus. Ganz anders als früher. Ich erkenne sie gar nicht.

 

 

Die Alte Nationalgalerie ist angenehm leer. Im Unterschied zu den anderen Museen ist sie das eigentlich meistens. Ich bin jetzt das achte oder neunte Mal hier, vielleicht sogar schon das zehnte. In dieser einen schrecklichen Woche Anfang Dezember, als ich DAS LOCH gar nicht ertragen konnte, bin ich zweimal hergekommen. Insgesamt macht das jetzt rund hundert Euro Eintritt. Ich darf nicht so viel Geld ausgeben. Ich darf gar kein Geld ausgeben. Wie soll man kein Geld ausgeben, wie geht das? Ich sitze wie meistens vor der Toteninsel. Passt doch. Gegenüber vom Bild steht eine Bank, auf der ich gut schreiben kann. Soll ich so den Rest meines Lebens verbringen, vor der Toteninsel sitzen und dich mit Nichtigkeiten füllen?

 

Was ich an Berlin hasse: Dass ich mich immer wieder verlaufe. Es ist so unübersichtlich und riesig. Ich frage mich, warum es nicht allen so geht, aber ich scheine die Einzige zu sein. Rumbrüllen auf der Straße hasse ich auch. Drogen. Verrückt. Angst, mich zu verlaufen. Angst, mich selbst nicht mehr wiederzufinden.