flüstern gegen die wölfe

Geschichten vom Fremdsein in der erzwungenen Fremde

 

Von Ralf Julke,

Leipziger Zeitung IZ, 25.04.2021

 

 

Wobei man den poetischen Titel natürlich auch anders interpretieren kann. Denn echte Wölfe kommen in einer Geschichte der Flucht natürlich auch vor, Tiere, die man wenigstens noch vertreiben kann. Aber das kann man nicht mit jenen Menschen machen, die sich bereitwillig den jeweils Herrschenden andienen und für sie die blutige Arbeit verrichten. Denn wenn wir heute etwas wissen, dann ist es die Tatsache, dass Geschichte nicht endet und Menschen sich von Macht und Gewalt immer wieder aufs Neue korrumpieren lassen. Wie sie die finstersten Typen an die Macht wählen und sehenden Auges in Kauf nehmen, dass danach wieder die Verfolgungen beginnen, Menschen gejagt und verbannt werden, gefoltert, eingesperrt. Bei diesem Thema jedenfalls hat das 20. Jahrhundert kein Ende gefunden. Auch wenn es scheinbar die Motive des 20. Jahrhunderts sind, die SAID in seinen kurzen Geschichten anklingen lässt.

 

Wohl auch die eigene, wenn er die Geschichten vom zerstörten Haus der Kindheit erzählt, von den Träumen, die den Erzähler in die ferne Heimat versetzen, ganz so, als sei er einfach mal hingereist und würde auf der Straße alten Bekannten begegnen, die ihn begrüßen, als sei er nie weggewesen. Und wie ist das mit der Agentin, die auf den Erzähler angesetzt ist und ihn selbst in der Fremde heimsucht, sodass er nie vergisst, dass ihn die Machthaber in seinem Geburtsland noch immer unter Beobachtung haben? Es sind Geschichten, die wirken, als wäre ein bedrückendes Zeitalter nie zu Ende gegangen.

 

In der Fremde treffen sich die Geflüchteten aus aller Welt. So, wie sich die Exilerlebnisse in SAIDs Geschichten mischen, Geschichten von Männern, die auf Inseln exiliert werden, von Intellektuellen, deren Geliebte öffentlichkeitswirksam als Geisel genommen werden, Geschichten von Gestrandeten, die in der Fremde keinen Halt gefunden haben, verloren in ihrer eigenen Geschichte.

 

Dichter wissen, wie entwurzelt man sich fühlt, wenn man das Land seiner Kindheit verlassen muss. Aber die Entwurzelung beginnt schon vor Ort. Dann, wenn die Menschen beginnen, sich zu ducken und zu verschließen und zu schweigen, weil die Angst sie alle zur stillduldenden Masse macht. Nur zu bereit, die immer noch Widerspenstigen auszuschließen und auszugrenzen. Die Fensterläden gehen runter, die Menge wendet sich ab. Und selbst der Aufschrei der Frau, die um nichts anders bettelt als Aufmerksamkeit, verliert sich im Nichts.

 

SAID muss keine Studien betreiben und keine Befragungen machen, um zu zeigen, wie all das funktioniert. Wie leicht es den Wölfen ist, die möglichen Störenfriede zu isolieren, die Mehrheit mit steter Nötigung zum Dulden zu bringen und jene Atmosphäre zu schaffen, in der sich niemand mehr traut, zu opponieren. Denn das 20. Jahrhundert war auch das Jahrhundert der Perfektionierung. Die Wölfe lernten voneinander. Es war völlig egal, welche Farbe ihr Pelz hatte. Sie errichteten die Gefängnisse und Geheimdienstapparate, die lernten, in Aktenbergen alles zu sammeln und die (ungeschriebenen) Gesetze so zu machen, dass alles, wirklich alles gegen einen verwendet werden konnte. So macht man Menschen erpressbar und zu Spitzeln. So sorgt man für das allgegenwärtige Misstrauen, in dem jedes falsche Wort zum Fallstrick werden kann. So erzeugt man genau jene gespenstischen Stimmungen, wie sie SAID schildert.

 

Mal ist es ein Gestrandeter an der Bushaltestelle, mal ist es eine Szene im Wartesaal, mal ein einsames Paar in einem verlassenen Dorf, mal eine verstörende Begegnung im Zug, wo die eine Geflüchtete aus dem Osten dem schon vor langer Zeit ins Exil Gegangenen ihre Geschichte erzählt. Und sie kommt ihm nur zu vertraut vor. Er kennt das alles, obwohl er aus einem ganz anderen Land weggegangen ist. Es ist egal, welche Farbe das Fell der Wölfe hat. Aber selbst der Tod einer Prostituierten scheint wie selbstverständlich in diesen Reigen der Entfremdung zu gehören. Denn die Wölfe benehmen sich auch so, sie werden übergriffig und benutzen die Menschen wie Spielzeuge.

 

Und genau das ist der Punkt, an dem das Trauma unsere eigene Blindheit berührt. Denn wir reden in unseren Gazetten ja gern von Mitleid. Aber in Wirklichkeit haben wir keines, handeln mit den Wölfen, machen Verträge und sehen gern weg, wenn die Menschen misshandelt und verjagt werden. Und wenn sie bei uns ein Obdach suchen, behandeln wir sie wie Schatten, wie Geister, die niemand gerufen hat.

 

Liegt es an uns, dass wir nicht gastfreundlich sein können und immer nur wegsehen? Oder steckt uns die Angst vor den Wölfen genauso in den Knochen? Immerhin heulen sie ja auch hierzulande wieder. Sie würden gern wieder selbst so wüten dürfen wie die Wölfe anderswo. Sind wir also deshalb so still und spüren die Verluste nicht? Das, was das Nicht-sehen-Wollen mit uns anrichtet? Oder erzählt SAID wirklich nur die Geschichten der Fremden, die sich fühlen wie Reisende außerhalb der Zeit“?

 

Reisende, die es miteinander auch nicht mehr aushalten, weil die Unruhe sie zerfrisst. Denn wer keinen Ort hat, an dem er sich geborgen und zu Hause fühlt, der hat keinen Ort. Nur das Gehen hilft, die rastlosen Gedanken irgendwie zu bändigen.

 

Und auch wenn SAIDs Geschichten sich wie Traumgeschichten lesen, erzählen sie eigentlich von unserer Wirklichkeit und ihren allgegenwärtigen Wüsteneien. Denn der Lärm, das Geschäftigsein und das Überfordertsein sind nur die Oberfläche, das, was verbirgt, wie hinter all der Rastlosigkeit die Leere sich breitmacht und ganze Landschaften verschlingt. Länder, in denen die Wölfe das Sagen haben und selbst das Lebendigsein mit Misstrauen beobachten. Denn wer lebendig ist, fügt sich nicht, duckt sich nicht, wird zur Gefahr für die verordnete Scheinheiligkeit. Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Blutgierigen trotzdem immer wieder Mehrheiten bekommen können, wie ihr Biss nach der Macht als legitim verstanden wird, obwohl absehbar ist, dass danach die Jagd auf die Lämmer beginnt. Und eine lange Zeit, in der sich die Totenstille übers Land legt. Quasi das Gegenstück zur Stille in der Fremde, wohin die Verjagten geflohen sind. Jener Stille, von der SAID in diesen kleinen, fast poetischen Geschichten erzählt, die sich einreihen in die vielen Geschichten des Exils, die die moderne Literatur inzwischen kennt.

 

Geschichten, die selten Geschichten des Ankommens und des Triumphes sind. Viel öfter sind sie Geschichten des Scheiterns, der Einsamkeit und der ewigen Unruhe. Die Wölfe wissen schon sehr genau, was sie den Menschen antun, die sie aus dem Land vertrieben haben. Und sie genießen ihre Macht auch noch, wenn sie ihre Häscher und Mörder ausschicken, um die Angst auch in der Fremde wachzuhalten. Auch davon erzählen einige von SAIDs Geschichten, die auch deshalb so schwebend wirken, weil sie die Wölfe nicht als blutige Bestien zeigen, sondern als traumlose Pflichterfüller, als Gefühllose, die selbst das Töten wie eine gewöhnliche Pflicht betrachten und dann einfach den nächsten Bus nehmen und davonfahren.

 

Nur das Zitat, das SAID dem Band vorangestellt hat, erzählt von einer erstaunlichen Gelassenheit: „Ruhig umherschauend nach Freund und Feind.“ Einige seiner Helden sind so ruhig, erwarten stets die Nähe der Verfolger. Aber kann man so ruhig leben? Oder ist das nur der tiefsitzende Wunsch des Erzählers, einmal so wieder in die Welt schauen zu können, darauf vertrauend, dass der friedliche Moment nicht trügt und Freunde und Geliebte tatsächlich Freunde und Geliebte sind. Zu Ende erzählt ist das nicht. Auch wenn die Hoffnung gerade in diesem Zitat steckt. Und im für den Umschlag gewählten Bild von Caravaggio „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“. Denn der Gegenentwurf zur Welt der Wölfe ist eine Welt der Barmherzigkeit, in der sich Menschen einander erbarmen. Was sie in diesen kurzen Geschichten eher selten tun. Und auch meistens nicht tun können. Denn Angst und Furcht und Misstrauen behindern Barmherzigkeit. Und wo sie kurz aufschimmert, spürt man, wie intensiv sie ist – und wie verloren, wenn das Misstrauen dann trotzdem die Oberhand behält und der Fremde fremd bleibt. Die Wahl ist eigentlich keine Wahl. Denn wer sich nicht verlieren will, ist zu Fremdsein verdammt, die Rückkehr unmöglich. Damit finde sich mal einer ab, ohne es als bittere Niederlage zu empfinden.