Claudia Wessel: Zu Dritt

Leseprobe


aus "Das Handy"

Die Stimme sagte: „Hannes ist tot.“

 

In der ersten Sekunde fühlte sich Tatjana, als habe Vera ihr gerade eine frappierende Neuigkeit aus dem Bekanntenkreis erzählt. „Hanna hat sich von Holger getrennt.“ „Sonja ist schwanger.“ „Karl haben sie gepfändet.“ Sie spürte eine Dankbarkeit für den Adrenalinstoß, für die schrille Neuigkeit, die die Ereignislosigkeit des heißen Sommeralltags plötzlich unterbrach. Für die Möglichkeit, ein entsetztes „Waaaas?“ auszurufen, während draußen vor dem offenen Fenster die Trambahn vorbeiratterte. Anders war lediglich, dass ihr Körper zeitgleich in ein Kreislauf stoppendes Bad getaucht wurde. Und dass Rosalinde sofort nach dem schnell und rau ausgesprochenen Satz anfing zu schluchzen und zu jammern.

 

 

Der schwarze Telefonhörer in Tatjanas Hand fühlte sich hart an. Sie spürte Schweißperlen aus ihrer Haut kriechen, so dass das Plastik unter ihren Fingern zu rutschen begann. Hannes‘ Schwanz hatte sie noch am Freitagabend in der Hand gehabt. Sie liebte das Rutschgefühl, die weiche Haut auf diesem harten Schlegel. Sie liebte es, wenn er wuchs, vom kleinen, ängstlichen Wesen zum stolzen bösen Krieger wurde, unter ihrer Zunge. Besser konnte man ihr und Hannes‘ Verhältnis nicht charakterisieren.

 

Durch sie wurde er zum Mann, ohne sie war er nur ein Wurm, nur, wenn sie es wollte, durfte er sie aufspießen, in einem ihrer Löcher. Tatjana schmatzte jetzt, um zu sehen, ob noch ein Rest von seinem Geschmack übrig war. Ob sie den Ekel des weichen Schleims, der aus diesem harten Monstrum in sie gespritzt war am Freitag Abend, kurz bevor Hannes sich mit seinem Mercedes auf die nächtliche Autobahn gewagt hatte, genau jetzt würde spüren können. Ob sie sich an sein Grollen erinnern könnte. Ja, es klang wie ein Gewitter direkt über ihr, als er kam, vor Wut über Tatjanas Widerspruch, vor Besessenheit, sie zu erniedrigen, endlich kleinzukriegen, zu der kleinen Hure zu machen, die sie war. Ob sie noch einmal die seltsame, unerklärliche Energieübertragung fühlen konnte, die seine Explosion jedes Mal ankündigte.

 

Es war ein Schauer, der ihren Körper durchlief, eine Welle, die auf sie zuschwappte, die aus seinem Schwanz drang, jedoch nicht aus dem Loch, das das Sperma freigab. Sondern aus allen Hautporen. Eine Energiewelle, die über sie prickelte und ihr ihren Erfolg verhieß. Gleich würde er wieder ihr gehören, für diese lange Sekunde seines petite morts, die Sekunde, in der ihr Loch alles war, was er vom Leben wahrnahm.

 

Für diesen Triumph ertrug sie es gerne, das zuckende Spritzen der schleimigen Flüssigkeit an ihren Gaumen, den schwer zu unterdrückenden Würgereflex, den sich ansammelnden Brei auf ihre Zunge, der sie an die Graupensuppe erinnerte, die sie als Fünfjährige ihrer Mutter auf den Teller gekotzt hatte, weil sie so ekelhaft war. Den Moment der Überwindung, wenn es galt, das Zeug runterzuschlucken, obwohl jeder natürliche Reflex „Ausspucken“ brüllte.

 

Du hast es gleich geschafft, sagte dann ein kleines Stimmchen in Tatjanas Kopf und tapfer ließ sie die milchige Flüssigkeit in ihre Kehle gleiten. Wenn Hannes nur ein einziges Mal in genau dem Moment richtig dankbar gewesen wäre, so dankbar, wie es sich eigentlich gehörte dafür, dass sie sein Müllschlucker war, seine Entsorgungsmaschine, sein entpersonalisiertes Loch.

 

Ein flüchtiger Gedanke war das, den sie mit dem Sperma hinunterschluckte. Er war so absurd, wie vom Herrscher eines Königreichs Dankbarkeit für die Anbetung durch sein Volk zu erwarten. Der König war sich sicher: Das Volk brauchte die Anbetung für sein Wohlgefühl, ja, es war geradezu süchtig danach, geschaffen dafür von einer höheren Macht, nur mit Hilfe von Anbetung eines Königs überleben zu können.

 

Mit dem Blasen hatte Tatjana am Freitag alles wieder ins Lot gebracht. Hannes war ihr über, hatte ihre übermäßig durchbluteten Gehirnverästelungen mit seinem Saft verklebt, es würde zumindest ein paar Stunden dauern, bevor sie wieder aufmuckte, doch dann war er bereits auf der Autobahn. Mit der Entspannung der leeren Hoden war er aus seiner Wohnung gegangen. Den letzten Kuss hatte sie in der Tür von ihm bekommen. Sie war dageblieben, hatte noch seine Blumen gegossen und die Wohnung aufgeräumt, das Geschirr in der Küche gespült und sein – ihr gemeinsames – Bett gemacht. Gegen 23 Uhr war sie weggefahren, zu Anna, die eine Sommernachtsparty in ihrem Garten gab. Um 3.47 Uhr hatte sie die verlangte SMS von Hannes bekommen. „Bin gut angekommen, Kuss“.

 

„Kuss“ hatte er ausgeschrieben. Nicht das übliche x geschickt. Nachts, nach einer großen Anstrengung wie dieser Fahrt, wurde er manchmal sentimental. Tatjana hatte gelächelt und noch einmal an sein Abspritzen wenige Stunden zuvor gedacht.

 

Wie seltsam, dachte Tatjana, dass sie in dem Moment, als Rosalinde als Geist aus einer fremden
Welt in ihr Ohr drang, so konzentriert blieb. Dass sie von einer großen Kraft – es erinnerte sie an das Hochgeschossenwerden im Free Fall auf dem Oktoberfest – eine Ebene höher katapultiert wurde, von der sie alles überblickte.

„Wie kann er tot sein?“ fragte sie und im Nachhinein schien ihr jedes einzelne Wort, das aus ihrem Mund gekommen war, als ein Wunder.

„Was ist denn passiert?“

Was ist denn passiert. Töte mich, bring mich um, ramm mir ein Messer in den Bauch.

„Hatte er einen Unfall?“

„Nein“, heulte Rosalinde.

„Bei Herrn Krug ist er umgefallen. Im Laden. Es war ein Schlaganfall. Mein Junge....“

„Was?“ sagte Tatjana und hörte sich jetzt in einem überlegenen Ton sprechen, als müsse sie die alte verwirrte Dame von einem Hirngespinst befreien.

 

Von einer Sekunde auf die andere hatte sie die Hoffnung, dass Rosalinde verrückt geworden war. Vielleicht war sie gefallen, lag jetzt auf dem kalten Boden in ihrer Küche, die Telefonschnur hinter sich herzerrend, Hannes war auf Terminen und hatte sie allein gelassen. Sie war auf den Kopf gefallen und in Panik, vielleicht lag sie sogar im Sterben, spürte die Lebenskräfte aus sich weichen und hatte nur einen Gedanken: den an ihren Sohn.

 

...

 

Der Besuch bei Rosalinde in der Wohnung, gleich nach der Beerdigung. Das Bett, das die Mutter für Hannes in einem der Zimmer gemacht hatte. Der Aluminiumkoffer, den Herr Krug Rosalinde zurückgebracht hatte. Ein Paar Schuhe fehlte, das hatte er im Laden vergessen. Ich bringe es Ihnen noch. Ach, Unsinn, lassen Sie doch. Ich will es gar nicht haben. Die Schuhe, die er angefasst hat, kurz bevor er gestorben ist. Mein Junge. Ich werde ihn bald wiedersehen. Ich werde es nicht mehr lange machen.

 

Sein Jackett. In der rechten Tasche das Handy. Es meldete fröhlich T-D1, leuchtete und wartete auf Anrufe. Sofort, als Tatjana es sah, wusste sie, sie sollte es abmelden. Doch es schaute sie so geheimnisvoll an und so beredt. Es will mir etwas sagen, sagte sich Tatjana. Und steckte es in ihre Handtasche.

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke