Flach

 

An sich ist es gut, dass ich in meinem Zimmer sitze und schreibe. Doch der Raum ist für mich schwer zu fassen geworden. Vor der Pandemie war ich für Veranstaltungen und Lesungen viel unterwegs, und wer viel unterwegs ist, hat immer Ortsnamen. Ich bin in Brüssel oder in Toronto. Es macht Sinn zu wissen, wo man ist. Aber in der Pandemiezeit bin ich immer in Berlin. „Wo ist das? Wo bist du?“, hat an Bedeutung verloren. Das ist eine Unfassbarkeit des Raumes. Daher kann ich auch nicht sagen, was in diesem Moment Ferne ist und Nähe. Die Ferne in die Nähe zu holen oder Nähe zu spüren, alles findet in der Sprache statt. Was sowieso der Fall ist bei einer Autorin, trotzdem ist es jetzt schwieriger und komischer. Die Begrüßungsgesten haben sich geändert. Dieses Umarmen hier, auch in der Schweiz, in Frankreich, das Küssen, das war mir immer viel zu viel Nähe gewesen. Und jetzt ist das alles vorbei, nicht einmal mehr Hände muss ich schütteln. Alle machen wie in Ostasien eine angedeutete Verbeugung; und das ist für mich auf einmal auch komisch. Ich weiß nicht, aber vielleicht vermisse ich nun die Umarmung ein bisschen. Auch wenn es mir zu viel war, dass man alle umarmen muss. Jetzt gibt es Distanziertheit. Distanziert zu sein heißt ja nicht, dass man nicht freundlich ist oder nicht zuhört oder dass Zuneigung nicht da ist. Das alles zeigt sich in der Sprache, im Gesichtsausdruck und in der Körpersprache. Man muss andere Menschen nicht unbedingt berühren. Aber Berührung gibt es unabhängig von Menschen. Wir berühren Klinken oder Türen der U-Bahn und all diese Gegenstände. Im Moment sollte das möglichst wenig geschehen. Aber wenn das kein Thema ist, machen wir es ständig. Wir tauschen ständig Bakterien, Viren und alles andere aus. Wir haben keine Ahnung, was alles ausgetauscht wird durch Atem, Spucke, berührte Gegenstände. Austauschen hat sicher auch was Positives, wenn es keine Krankheiten überträgt. Wir berühren viele Gegenstände, wir berühren uns gegenseitig in der Großstadt an Orten mit vielen Menschen, das ist dann fast wie ein permanenter Austausch von körperlichen Flüssigkeiten. Das ist mir erst jetzt so klargeworden. In diesem Zusammenhang ist es weder Vermissen noch nicht-Vermissen von etwas, sondern ein Bewusstwerden und Nachdenken darüber.

 

Trotz der distanzierten Begrüßungen in Ostasien ohne körperliche Berührung sind die Menschen in einer Großstadt wie Tokio in der U-Bahn immer Haut an Haut an anderen Menschen, Stunden verbringen sie so nah. Japanische Großstädte sind voller als Städte hier, und so gibt es auch eine große Nähe. Nur, wenn es eine freie Entscheidung ist, zwei Menschen begrüßen sich, dann ist der Abstand da.

 

Vor der Pandemie war Japanisch, so wie Deutsch, anders näher oder entfernter für mich als die Sprachen es jetzt sind. Das ist ein seltsames Gefühl. Deutsch war für mich die Sprache des Alltags, so spreche ich mit den Leuten, es gibt Reibungen, Zusammenstoß, auch Inspiration, auf direkte Art, körperlicher. Ich lebe hier, und bin nicht mehr als zwei oder drei Mal im Jahr in Japan gewesen. In der Pandemiezeit war ich die ganze Zeit nicht in Japan. Dafür gab es viel mehr Zoom-Konferenzen oder Lesungen und Seminare mit japanischen Veranstaltern, genauso viele wie mit deutschen. Und damit ist diese Andersartigkeit, ein anderes Spüren von Japanisch und Deutsch verschwunden. Die beiden Sprachen, Deutsch und Japanisch, sind für mich gleich geworden, flach. Und das ist nicht gut. Fast jeder Mensch hat mit mehreren Sprachen zu tun, aber die Beziehung hat eine andere Qualität. Es fühlt sich anders an. Und diese qualitativen Unterschiede sind sehr, sehr inspirierend, sehr wichtig, um zu spüren, dass die Welt nicht flach, sondern plastisch und mehrschichtig ist. Je nachdem, welche Beziehung ein Mensch zu der sogenannten Muttersprache oder sogenannten Fremdsprachen hat, ich würde die beiden Begriffe nicht so streng voneinander trennen. Aber man hat auf jeden Fall unterschiedliche Beziehungen …  Und das könnte verloren gehen. Zum Schreiben, zum Bücher-Schreiben ist Homeoffice ganz in Ordnung, klar, denn das ist immer Homeoffice. Trotzdem gibt es Momente, zum Beispiel auf Lesungen, oder noch stärker vielleicht in einem Seminar an der Universität, wo Menschen, die beispielsweise gerne Gedichte lesen, diese Leidenschaft jüngeren Leuten vermitteln können. Das geht im Moment schlecht. Bücher lassen sich immer kaufen, Texte sind im Internet auch umsonst zu lesen. Aber für die Vermittlung, dafür, Begeisterung für die Literatur zu vermitteln, braucht man komischerweise eine Stimme, die echte Stimme, und den Körper. Wenn ein Mensch begeistert dasteht und sagt: „Ja, dieses Gedicht, das ist so toll, weil …“ Das ist schwer vermittelbar durch digitale Wege. Das habe ich auch in meinem eigenen Studium sehr stark gespürt, und höre es jetzt oft von Leuten, die an der Uni unterrichten.

 

Und was mir auch fehlt ist (wie spontane zufällige Begegnungen mit Menschen), sind spontane Begegnungen mit Büchern. Es lassen sich im Moment sehr gut Bücher bestellen, abholen, kaufen, digitale und Papierbücher. Was ich vermisse, ist, in einer kleinen Bibliothek zu sein und dort Bücher anzuschauen. Die Bücher, die ich suche. Aber nicht nur die, sondern auch die, die zufällig nebenan stehen oder die ich zufällig in die Hand nehme. Das waren immer die besten Bücher gewesen. Kurz bevor es mit der Pandemie losging, letztes Jahr im Februar, war ich zum Glück noch im Marbacher Literaturarchiv. Und dort habe ich zufällig Paul Celans Manuskripte und Bücher, die er im Krankenhaus gelesen hat, in der Hand gehabt. Dieses Papier zu berühren und das Buch, das Paul Celan in der Hand hatte, auch zu berühren und andere Bücher, die im Archiv standen, eine Erfahrung, die sehr inspirierend gewesen war. Diese Erfahrung gibt es im Moment nicht. Im Moment habe ich viel mehr Zeit zu lesen, man kann auch gut lesen. Doch Bücher sind auch in einem Raum, sie existieren ja nicht nur in der zweidimensionalen Welt. Und diese Räume, die man mit den Büchern zusammen betreten kann, die fehlen mir.

 Yoko Tawada

 

 

 

Dieser Beitrag ist die Verschriftlichung meiner Wortbeiträge in der digitalen VeranstaltungLa Nuit des Idées – Proches le Vécu et le Phénomène // Nähe – Die Erfahrung und das Phänomen“ am 28.1.2021 / ICFA Tübingen.

 

 

 

 

PS: Und das war mein Beitrag vom 30.3.2020:

 

Seit über dreißig Jahren bin ich als Autorin auf allen Kontinenten unterwegs. In meinem letzten Roman „Sendbo-o-te“ schrieb ich über die Isolation eines Landes wegen einer Katastrophe. Jetzt bin ich selber isoliert und rede hauptsächlich mit toten Autoren (gestern mit Celan, heute mit Platonov). Zum Fernsehapparat halte ich immer 1,5 Meter Abstand. Letzte Woche hörte ich, es gebe nicht genug Schutzanzüge und Schutzmasken in deutschen Krankenhäusern, weil China und Indien sie nicht mehr exportieren können. Ich fragte mich, warum man nicht hierzulande solche einfachen Produkte herstellen kann. In der DDR gab es sogar einen perfekten Schutzanzug für Kosmonauten. Für die Chinesen war es nicht schwer, Holzspielzeug aus dem Erzgebirge zu kopieren und es massenweise zu produzieren. Warum können die Deutschen chinesische Schutzmasken nicht schnell kopieren? Muss man zuerst das Urheberrecht erwerben? Oder wirft dieser Einwegartikel nicht genug Profit ab? Mein Beruf ist, naive Fragen zu stellen. Entweder können die Menschen über mich lachen (das Lachen stärkt das Immunsystem) oder die Naivität wirft Licht auf einen unerwarteten Ausweg. Fragen sind besser als Prophezeiungen.

 

Anders als sonst stelle ich mir zurzeit oft den Alltag eines Krankenpflegers oder einer Mutter vor, die den ganzen Tag auf ihre Kinder aufpassen muss. Es gibt gerade in der Corona-Zeit mehr „soziale“ Kontakte im Kopf als sonst.

 

Ich fand es etwas befremdlich, dass die Berliner, die sich vor Kurzem noch schwer von der Bar- und Partykultur trennen konnten, jetzt nicht nur brav die 1,5-Meter-Regel im Supermarkt befolgen, sondern sich gegenseitig streng bewachen, ob die anderen sich auch an diese Regel halten. Es ist gut, den Abstand zu halten. Man darf nur nicht die Wissenschaft als eine Ersatz-Autorität in der Demokratie missbrauchen. Die Göttin der Wissenschaft ist deshalb schön, weil sie genau weiß, dass sie vieles nicht weiß.

 

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