75 Jahre Frankfurter Buchmesse. 45 Jahre Konkursbuch Verlag

Das Messelied

Die erste Buchmesse gab es 1949 in der Frankfurter Paulskirche, es kamen 9046 Besucher und 205 Verlage. Ab 1951 fand die Buchmesse in den Messehallen statt. 2023 besuchten 215.000 Menschen die Messe und 4000 Verlage aus vielen Ländern stellten aus. Gastland 2023 war Slowenien, aus unserem Verlag war Suzana Tratnik dabei. 2022 war das Gastland Spanien und aus unserem Verlag Lucía Rosa González dabei.

Wir waren von Anfang an auf der Messe, sind also 2023 zum 46. Mal dabei gewesen. 1978 und 1979 teilten wir einen Stand mit Matthes & Seitz. Verleger Axel Matthes konnte zu vielen „Insidern“, die vorbeikamen, in geheimnisumwittertem Ton etwas erzählen; ich habe viel über die Messe und Mitwirkende erfahren. Inzwischen ist der Verlag Matthes und Seitz (seit 2004 mit Andreas Rötzer als Verleger) zu einem großen Verlag geworden, und wir sind noch immer klein. Seit 1980 sind wir mit eigenem Stand dabei.

 

Wir arbeiten seit vielen Jahren mit der Chansonsängerin Eleonore Hochmuth zusammen. Sie hat ein „Verlagslied“ und ein „Bücherlied“ für uns gesungen und produziert. Die runden Zahlen nahmen wir zum Anlass, ein weiteres Lied zu produzieren, zum 75sten Geburtstag ein Jubiläumslied auf die Messe.

Ich fragte verschiedene Verlegerinnen und Verleger, uns Bilder und Anekdoten zu schicken, einige sagten zu, manche von ihnen waren später mit Herbstbuchproduktion und Messevorbereitungen überlastet und schafften nicht, etwas aus ihren Archiven herauszusuchen und uns zu schicken. So flossen nun Bilder und Anekdoten von AvivA, Querverlag, Verbrecher Verlag und uns in das Lied ein. Nur ein Hauch des Erzählten konnte auftauchen, es sollte sich ja reimen und auf die Verse passen (ursprünglich von Hildegard Knef gesungen: Von nun an geht's bergab).

 

Im Folgenden finden Sie die Anekdoten (ungefähr in chronologischer Reihenfolge).

 

Einer der am längsten existierenden unabhängigen kleinen Verlage ist der Merlin Verlag – gegründet 1957 von Andreas J. Meyer in Hamburg und jetzt im 66sten Jahr (unter der Leitung von Katharina Eleonore Meyer), auch eine hübsche runde Zahl. Der Verleger schickte mir vor vielen Jahren, Anfang der Neunziger, einmal ein Manuskript, das er gut fand, das aber zu Merlin nicht passte. Es erschien bei uns und wurde einer unser kleinen Bestseller (Dagmar Fedderke, Die Geschichte mit A.). Das Bild, was sie uns schicken wollten, wurde leider nicht gefunden: die Messe 1968 und der Verleger am Messestand in einem Käfig. Hintergrund: der große Prozess gegen den Verkauf des auf Deutsch 1960 im Merlin Verlag erschienenen Buchs von Jean Genet, „Notre-Dame-des-Fleurs“.  (Der Prozess endete mit einem Freispruch, das Buch wurde als Kunst gewertet, später erging es uns mit dem heimlichen Auge ähnlich, auch unser Prozess endete mit einem Freispruch. (Ich klopfe immer dreimal auf Holz, wenn ich daran denke)

 

1968 war eine sehr "politische" Buchmesse. Helmut Richter von der Auslieferung SoVA schrieb in seinem Beitrag in konkursbuch 55, „über Bücher“: „1968 wurde der Friedenspreis des deutschen Buchhandels an den Dichter und Präsidenten des Senegals, Léopold Sédar Senghor, verliehen. Dagegen gab es starke Proteste, denn er galt als Vertreter des Kolonialismus. Es gibt ein berühmtes Foto von Daniel Cohn-Bendit vor der Frankfurter Paulskirche, er wurde verhaftet. Auf der Buchmesse war sehr viel Polizei, und das alles war der Anlass zu einem Treffen. Trikont und andere, auch viele ausländische Verlage trafen sich im Foyer des Hessischen Hofs (einem Hotel gegenüber der Buchmesse) und berieten. In der Folge entstanden linke Buchhandlungen.“ Und etwas später auch die Verlagsauslieferung SoVA (Sozialistische Verlags-Auslieferung, es gab sie von 1971-2022, über 50 Jahre lang bis zur Insolvenz im November 2022).

 

Die Messe ist wie eine riesige Familie, die gleichen Gesichter aus dem Publikum stehen immer wieder am Stand. Und die Büchermenschen aus anderen Verlagen, aus den Medien ... Gesichter wie im Zeitraffer aufgenommen. Manche scheinen immer gleich, andere von einem aufs andere Jahr plötzlich älter. Manche sind nicht mehr da. Es entstehen Freundschaften. Manche Autorinnen/en, die von Stand zu Stand gehen, finden Verlage, viele nicht. Selbstverlagsstände gab es früher nicht, Bezahlverlage gibt es immer noch (mit der Aufschrift: Verlag sucht Autoren, oder heute Autor_innen?) Endlose Schlangen von jungem Lesepublikum, das sich von einer (auf TikTok empfohlenen) Romantik-Autorin Bücher signieren lassen möchte – dieses Jahr gab es für Verlagsmenschen einen TikTok-Kurs.

 

1982 erschien die erste Ausgabe unseres Jahrbuchs „Mein heimliches Auge“. Wir hatten nur ein einziges Exemplar mit, es hing an einer Kette. Neben unserem Stand war eine Säule.

Im Buch waren einige im Bücheruniversum und auf der Messe bekannte Menschen mit Beiträgen – das Buch hatte sich schnell herumgesprochen und alle kamen und blätterten hinter der Säule. Von den ersten Messen gibt es nur wenige Fotos. Aber die Blätternden hätten wir vermutlich auch in den heutigen Zeiten, in denen dauernd alles fotografiert wird, nicht fotografiert. Habe einige noch vor Augen. Besonders eine: Hildegard Knef. Sie war dann auch lange am Stand und redete mit uns. Es gibt ein lustiges, zeittypisches Foto von ihr mit F.J. Raddatz und anderen von der Buchmesse 1982; das könnten wir nicht verwenden, aber die Fotografin Isolde Ohlbaum hat uns zwei andere Fotos von Hildegard Knef auf einer früheren Messe geschickt, danke!

 

1987 war das erste Buch und das erste Mal Yoko Tawada (die später viele Preise, u.a. den Kleist-Preis, erhalten sollte) auf der Messe. Ihr Buch projizierten wir mit einem Diaprojektor auf einen weißen Vorhang: Nur da wo du bist da ist nichts. Anfang der 1990er kam Regina Nössler zum Stand und zum Verlag, heute krimipreisgekrönt. Wir organisierten immer schon öffentliche Abendveranstaltungen. Damals lud ich – wegen der japanischen Autorin – dazu manchmal zu einem Messeessen in ein japanisches Lokal ein.1989 oder 1990 kam Brigitte Maria Mayer zum Stand mit Fotografien. Bald darauf planten wir ein erstes Foto-Buch, „perfect sister“, es erschien 1991. Sie lernte auf der Buchmesse den bekannten Dramaturgen und Autor Heiner Müller kennen, mit dem sie zusammenkam und eine Tochter hat, die inzwischen selbst einen kleinen Verlag gegründet hat (So wie auch einige Praktikantinnen von uns. Auf der letzten Leipziger Buchmesse erhielt der Autor eines dieser Verlage einer unserer Praktikantinnen (Nikola Richter) den Preis der Leipziger Buchmesse.)

 

1991 gab es wieder eins dieser großen Messe-Essen in einem japanischen Restaurant.

Die Wende war noch nicht lange her. Ich kannte schon zu DDR-Zeiten unter anderen Ina und Asteris Kutulas, die in den damals berühmten Prenzlauer Berg-Literatenkreisen verkehrten - Sie machten eine Zeitschrift (Bizarre Städte) in der DDR, deren Folgezeitschrift „Sondeur“ nach Mauerfall einige Jahre erschien Und dafür baten sie mich um einen Beitrag über meine Arbeit, der 1990 in „Sondeur“ erschien.

Das lasen viele und kamen zu uns mit Beiträgen für unser erotisches Jahrbuch und Konkursbuch. Bei einem der großen Essen in einem japanischen Lokal, 1991, waren um die 40 Menschen dabei, Yoko Tawada und auch Heiner Müller und Brigitte Maria Mayer. Und Autoren aus der DDR. U.a. Peter Wawerzinek. Dramatische Kindheiten wurden diskutiert.

Der Autor hatte wohl etwas aus der DDR-Vergangenheit mit Heiner Müller abzurechnen, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall begann er nach einigem Reiswein, Heiner Müller zu beschimpfen. Dann zog er sich – in einem vornehmen japanischen Restaurant! – mit den Worten: „Bei der Gehrke kann man das ja“, nackt aus, tanzte auf dem Tisch und beschimpfte Heiner Müller …

Und so ging es weiter, keine Messe war langweilig. Auf der 75sten sangen wir am Stand und einmal auf der Leseinsel, zusätzlich zur Lesung von Andrea Karimé – wenige Minuten lang Lieder. Gleich beschwerte sich einer von einem Nachbarstand, an dem auch recht laut gelesen wurde –  es kommt quasi vorweggenommen schon im Liedtext vor: "Alle haben ein Mikrophon ..." - der Beifall war lauter als die Lieder.

 

 

Aus der neueren Vergangenheit Geschichten  von

Britta Jürgs, AvivA Verlag:

 

Schöne Messeerlebnisse waren natürlich immer wieder die Happy Hours (2017 beispielsweise zum 20. Verlagsgeburtstag war da noch richtig viel los, das war toll!).

Bei AvivA gab es lange Jahre bei der Happy Hour immer bunte Cocktails (so auch zum 20.). Rot-orange war alkoholfrei, grün mit Alkohol (und immer die gefragtere Variante). Dazu mussten allerdings immer Eiswürfel zur Messe transportiert werden. Meine Mutter, die aus der Wetterau nördlich von Frankfurt zur Messe kam und lange Jahre vor allem an den Happy-Hour-Tagen mithalf, brachte das Eis in der S-Bahn von zu Hause mit. Erstaunlicherweise funktionierte das immer super – aber sommerliche Temperaturen zur Buchmesse waren da noch selten.

Blöde Messererlebnisse: als während einer Happy Hour der Volontärin Geld und Kamera gestohlen wurden und als am 1. Messetag morgens der schöne neue Prospektständer nicht mehr da war, den wir natürlich am Vortag aufgestellt und gefüllt hatten. Was für ein Messeauftakt! Der Nachfolger bekam überall AvivA-Beschriftungen (und ich hab ihn immer noch).

Eine besonders tolle Messe war natürlich die, als ich zur BücherFrau des Jahres geehrt wurde (2011). Witzigerweise habe ich davon kaum Fotos. Das ist wohl das einzige Messeevent, bei dem ich etwas hochhackigere (rote!) Schuhe trug – farblich passend zu den Sitzhockern, wie ich jetzt erst feststelle.

 

Keine Anekdote, aber ein weiteres Highlight war natürlich, als wir beide erstmals den Deutschen Verlagspreis erhielten (2019). Und ich finde es so lustig, dass Du auf meinem „offiziellen“ Foto mit Monika Grütters hinter ihr hervorschaust. Für mich ist der Deutsche Verlagspreis auf jeden Fall auch sehr mit Dir verbunden (und 2022 bekamen wir ihn dann auch beide wieder, zum zweiten Mal, diesmal allerdings ohne Einzelfotos).

 

 

Jim Baker, Querverlag – drei Messeanekdoten

 

„Erst jetzt packt Ihr die Regenbogenfahne raus?“

Diesen etwas erstaunten Satz hörte ich von einem der geduldig wartenden Kolleg_innen, während wir am Messedonnerstag kurz vor 17 Uhr anfingen, alles für den traditionellen lesbisch-schwulen Sektempfang vorzubereiten. Das heißt, Werbematerial wegräumen, Plastikbecher auspacken und aufreihen, Sekt- und Orangensaftflaschen zurechtrücken, Müllsack bereitstellen. Und eben eine Unterlage für das Mietpult hervorholen, damit das gute Leihmöbel nicht vom überschäumenden Sekt oder danebengegossenen Saft schmutzig wird.

Und in diesem Jahr benutzte ich eben besagte Regenbogenfahne. Was den erstaunten Kommentar des Kollegen wohl hervorrief.

Es ist komisch, aber wenn ich Querverlag denke, denke ich den Regenbogen automatisch mit, musste in Frankfurt allerdings feststellen, dass wir tatsächlich am Stand nichts „Eindeutiges“ hatten, was uns mit einem Blick als LGBT identifiziert hätte. Vielleicht bin ich im Laufe der letzten 23 Jahre Querverlag einfach zu betriebsblind geworden, denn ich habe wirklich nicht daran gedacht.

Und dabei ist Sichtbarkeit nach wie vor von so immanenter Bedeutung, vor allem wenn man der einzige lesbisch-schwule Verlag auf der weltgrößten Buchmesse mit rund 7500 Ausstellern ist. Da geht man buchstäblich in der Flut an Heterosexuellen unter.

Wobei: Wer den Buchmarkt und die Verlagswelt kennt, weiß, es wimmelt ja nur so vor Homosexuellen in den Buchhandlungen und in den Verlagen, was wiederum das jährliche Treffen der Buchbranche umso spannender macht. Beim Sektempfang habe ich immerhin Kolleg_innen aus Kanada, USA, Spanien, England und der Schweiz begrüßt, Buchhändler_innen aus so exotischen Orten wie Wien und Kassel Sekt nachgeschenkt und kontaktfreudige Mitarbeiter_innen aus ganz unterschiedlich aufgestellten Verlagen lachen hören – von Random House bis Suhrkamp, von Büchergilde Gutenberg bis Männerschwarm.

Zum Glück haben sie alle den Weg zu uns gefunden – und das ganz ohne Regenbogenfahne.

Nächstes Jahr wird’s bunter – ich verspreche es.

 

***

 

Ich stricke nicht. Stehe ich auf der Frankfurter Buchmesse plötzlich vor einem Verlag mit Schwerpunkt Handarbeit und Stricken, zucke ich kurz mit den Schultern und laufe einfach weiter – vorausgesetzt, ich nehme das Programm überhaupt wahr. Daher ist es für mich einfach unbegreiflich, warum manche Heterosexuelle vor einem lesbisch-schwulen Verlag stehen und sich dazu seltsamerweise gezwungen fühlen, das Buchangebot kommentieren zu müssen.

„Unnötig! Heutzutage ist so was total unnötig, was Ihr hier macht“, warf mir ein Mann mittleren Alters am Messesamstag unaufgefordert an den Kopf. „Ihr habt doch alles inzwischen erreicht. Was wollt Ihr noch?“ Als ich dann ansetze, ihm die auch heute noch aktuelle Bedeutung eines solchen Nischenverlags erklären zu wollen, beendete er das Gespräch mit dem Totschlagargument: „Ihr seid eben Teil des Problems!“ Ein Problem, dessen Existenz er ja mit seinem Eröffnungsstatement ja zunächst infrage gestellt hatte. Hmm …

 

Sonntag, kurz vor Messeschluss, bleib eine Rentnerin einige Minuten konsterniert vor unseren Neuerscheinungen stehen, scannte die neuen Titel – angefangen bei unserem Fotobuch „Butches – begehrt und bewundert“ in der oberen linken Ecke des Messestands über „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …“ bis hin zu „Heteros fragen, Homos antworten!“ ganz unten rechts – perplex ab, bis man mit einem Mal die berühmte Glühbirne über ihrem Kopf quasi aufleuchten sah. Dann wandte sie sich an mich mit den Worten: „Ich finde das nicht richtig, dass Sie mit Ihrem Verlag die Mehrheit der Menschen diskriminieren.“ Sprach’s und lief schnell weiter, ihren Rollkoffer voller Werbegeschenke und Verlagsprospekte hinter sich herziehend.

 

Am Freitag war es dann eine Frau, ich schätze sie auf Mitte dreißig, die zunächst ein Lesezeichen in Regenbogenfarben in die Hand nahm, es umdrehte, die Aufschrift „#verlagegegenrechts“ erblickte und es schnell wieder hinlegte. „Als Wähler …“ (nota bene, nicht „Wählerin“) „… der AfD lehne ich so was ab.“ Ich sagte spontan, Homosexualität sei ja nicht ansteckend, hätte allerdings eher nachfragen müssen, was sie ja mit „so was“ eigentlich meinte. Regenbögen? Die Initiative #verlagegegenrechts? Lesezeichen an sich?

 

In solchen Situationen wünschte ich mir, ich wäre schlagfertiger, hätte sofort den passenden Spruch auf den Lippen, könnte mit einem gut platzierten, rhetorisch einwandfreien Satz mein Gegenüber schachmatt setzen.

 

Stricken sei ja meditativ, heißt es. Vielleicht sollte ich dann doch diese überaus nützliche Handfertigkeit mir zulegen? Dann könnte ich auf Messen zumindest die Zeit zwischen unaufgeforderten homophoben Redebeiträgen die Zeit überbrücken mit dem Stricken rosafarbener Pussy-Mützen.

 

***

 

Mich hat noch nie jemand „Kampftrinker“ genannt. Nach maximal drei Bier ist bei mir normalerweise schon Ende der Fahnenstange, denn entweder schlafe ich ein oder muss andauernd aufs Klo, was dann doch den Trinkgenuss etwas dämpft.

Eine Buchmesse gibt allerdings besondere Parameter vor, setzt gewöhnliche Gesetze außer Kraft, animiert ja förmlich zum Saufen, lädt buchstäblich an jeder Ecke dazu ein.

Fatal auf der diesjährigen Buchmesse erwies sich der Stand „Hendrick’s Gin“, keine zwanzig Meter von unserem Stand entfernt und leider auf dem Weg zur Herrentoilette in der Halle 4. Ließ man sich von der äußerst adrett gekleideten jungen Frau einen Getränkebon in die Hand drücken, durfte man an den Tresen gehen und sich von einem nicht minder adretten Hipster mit Schiebermütze, Hosenträgern, Fliege und Bart einen Gin-Tonic samt Gurkenscheibe kostenfrei mixen.

Ich war jeden Messetag dort Gast.

Ab 14 Uhr findet dann immer irgendwo in unmittelbarer Nähe einer der vielen Sektempfänge statt, die dann locker bis zum Messeschluss um 18.30 Uhr erstrecken können und häufiger sogar längst darüber hinaus. Zum Glück vertrage ich keinen Prosecco, doch leider wissen das inzwischen viele Kolleg_innen, die es natürlich gut mit mir meinen – immerhin war es dieses Jahr meine dreißigste Frankfurter Buchmesse –, und haben immer eine Alternative für mich parat.

Wer könnte zu so einem netten und zuvorkommenden Angebot schon Nein sagen? Wäre doch unhöflich.

Dazu kommen natürlich die kleinen Geschenke. Unsere Autorin aus der Schweiz, Inge Lütt, die uns gern auf Messen durch freiwilligen Standdienst unterstützt, kredenzte jeden Nachmittag kleine, braune Fläschchen mit Appenzeller-Likör („zum Verdauen“). Unsere Salzburger Autorin Helmi Schausberger überreichte mir – passend zu ihrem soeben erschienenen Krimi „Mord auf Irisch“ – eine Flasche irischen Whiskys (lecker). Und dann – als wären all diese schönen Zeichen der Aufmerksamkeit, der Zuneigung und des Danks nicht genug, befand sich in unserem Gang der „Orbanism Space“, gesponsert ausgerechnet von Warsteiner. Die freundlichen Mitarbeiter_innen des benachbarten Standes des Ylva-Verlags – allen voran Sam (danke, Sam!) – tauchten in regelmäßigen Abständen bei uns am Stand auf, zufällig mit einer Flasche zu viel. Komisch.

Dass ich dann abends mit Marc Lippuner von den „Kulturfritzen“, der ebenfalls unseren Stand mit seinem erfrischenden Esprit, beeindruckenden Wissen sowie modischen Kleidungsstil jeden Tag bereicherte, ins Restaurant bzw. zu Verlagsempfängen weitergezogen bin – man muss ja schließlich was Herzhaftes essen –, soll dann nur als Randnotiz vermerkt werden.

Unseren inzwischen zur Tradition gewordenen Lesbisch-Schwulen Sektempfang am Messedonnerstag mit über 100 Gästen erwähne ich an dieser Stelle nur als Beweis, dass ich durchaus auch an die Trinkbedürfnisse anderer gedacht habe, wobei ich mich bei den Kollegen von Löwenherz, Eisenherz und Männerschwarm für ihre großzügige Unterstützung beim Bereitstellen der Sektkisten bedanken möchte.

Doch jetzt ist der Alltag wieder eingekehrt und ich sitze wie gewöhnlich am im Verlag Schreibtisch – mit einer Tasse Kräutertee.

Ob irischer Whiskey dazu passt?

 

 

Jörg Sundermeier, Verbrecher

 

Wir hatten mal einen spät gebuchten Stand, waren inmitten der Wissenschaftsverlage, die sich schwer taten mit Kolleg*innen aus dem Verbrecher Verlag (die keine Kostüme und Anzüge trugen). Dann kam ein großes Kamerateam eines öffentlich-rechtlichen Senders vorbei (der leitende Journalist hatte uns allerdings verwechselt, was erst nach dem Interview auffiel). Kaum war das Kamerateam abgezogen, wurden wir nicht mehr skeptisch beäugt – im Gegenteil, es entstanden plötzlich Freundschaften.

 

Am Aufbautag saß ich einmal arg gestresst und sehr erschöpft auf einer Kiste, als ein Kollege vorbeikam, lachte und meinte, während er seine rechte Hand hob und die Finger spreizte: „Nur noch fünf Tage!“

 

Neben einer Leseinsel war ein Stand an dem ein junger, sehr berühmter HipHopper seine Autobiographie vorstellte, am Publikumstag. Der HipHopper war umtost, 2 Stunden lang, die Lesungen auf der Leseinsel gingen in dieser Zeit fast völlig unter. Zwei Stunden später las ein junger, leider erkälteter Lyriker auf eben jener Leseinsel, wenn er versehentlich ins Mikrophon hustete war das schon recht laut. Der Verleger des HipHoppers brauste auf und bat – laut schreiend – gefälligst um etwas mehr Rücksicht.

 

Ein leider verstorbener Agent begegnete mir auf der Rolltreppe, die zum Agency Center führte. Er sah mich an, führte die Hand zu Ohr und nun hörte ich es auch: aus dem Agency Center drang Stimmengewirr von sehr vielen Stimmen, die sehr intensiv verhandelten. Der Agent sah mich an, lächeln und meinte: „Hörst du das? Der Sound of money!“

 

Mehr zur Geschichte der Frankfurter Buchmesse hier:

https://www.buchmesse.de/chronik

 

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