Regina Nössler: Kleiner toter Vogel

Leseprobe


Ich muss Angelika Fleiß den Schlüssel abnehmen, dachte Johanna. Nicht, dass sie glaubte, sie würde davon weiterhin Gebrauch machen, jetzt, wo sie wusste, dass sich die Nichte im Haus aufhielt, aber theoretisch konnte Angelika Fleiß jederzeit hier hereinspazieren, wann immer es ihr beliebte, und Johanna zu Tode erschrecken – tagsüber oder auch nachts. Das war eindeutig die schlimmste aller Möglichkeiten, dass sich jemand ins Haus schlich, während Johanna oben in dem kleinen Zimmer lag, schutzlos, und nicht das Geringste davon mitbekäme, da sie hier ja offenbar wie eine Tote schlief.

 

Wahrscheinlich tat sie Angelika Fleiß unrecht. Und das nur aus einem einzigen Grund: weil sie ihr unsympathisch war. Vielleicht hatten ihre Tante und sie ein freundschaftliches Verhältnis zueinander gepflegt und sie fühlte sich für Helene verantwortlich, sogar jetzt noch, über den Tod hinaus. Und Johanna war ein solches Gefühl der Verantwortung und Loyalität bloß fremd.

 

Die ersten Schlucke Kaffee am Morgen waren die besten des Tages. Johanna setzte sich mit der Tasse in der Hand auf einen der weinroten Sessel. Ob Helene hier immer gesessen hatte? Oder auf dem anderen? Oder auf dem Sofa? Johanna würde es nicht mehr erfahren, was sie für einen Moment traurig machte, und bald gäbe es das alles nicht mehr, die Möbel, das Haus. Das Haus würde natürlich weiterexistieren, einige der Möbel vielleicht auch, wahrscheinlich würde eine junge, moderne Familie einziehen, die auf die Umwelt achtete, auf Bildung und gesunde Ernährung, eine Familie wie die Holzapfels. Sie würde das Haus renovieren, mit ökologischen Baustoffen, es von Grund auf verändern, und von Helene wäre nichts mehr übrig.

 

Nach der ersten Tasse Kaffee stand Johanna auf, zog die Vorhänge zur Seite und öffnete die Terrassentür. Einen Garten zu haben, zumindest eine kleine Terrasse unter dem Dach eines Berliner Mietshauses, das hatte Johanna sich immer gewünscht. Doch ihre unregelmäßigen Einkünfte hatten dafür nie gereicht und es blieb ein Traum. Jetzt, Ende Oktober, war im Garten vom Sommer nicht mehr viel zu sehen – hinten an der Mauer einige zart rosafarbene Dahlien und eine späte Rose.

 

Trotzdem verspürte Johann plötzlich das unbändige Verlangen, nach draußen zu gehen, so, wie sie war, in ihrem alten Schlafanzug und auf Socken, noch vor dem Frühstück. Einen kleinen Rundgang im Garten zu machen. Wenn sie jemand dabei sah, war es auch egal; ihr lag nicht mehr daran, bei irgendwem aus dem Ort einen guten Eindruck zu machen, abgesehen vielleicht von Christiane Holzapfel. Den toten Vogel vom ersten Abend hatte sie längst vergessen.

 

Sie war ausgeschlafen, das Koffein hatte ihren Kreislauf in Schwung gebracht und sie brauchte jetzt dringend frische Luft. Sie fühlte so deutlich wie schon lange nicht mehr, dass sie lebendig war. Begierig atmete sie die kühle Luft ein, als wäre sie tagelang eingesperrt gewesen. Vielleicht würde sie sich heute ja doch als energiegeladen und tatkräftig erweisen.

 

Schon aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. Etwas war anders als gestern und vorgestern. Eine Irritation. Als fehlte ein Möbelstück, das gestern noch da gewesen war, oder ein neues wäre hinzugekommen. Als wäre die Anordnung empfindlich gestört. Auf den Steinplatten der Terrasse, neben einem der Plastikstühle, lag etwas, das nicht hierher gehörte. Erst nahm Johanna es nur als dunklen Schatten wahr, dann sah sie, dass es ein Körper war. Er lag an fast derselben Stelle wie am ersten Abend der Buchfink, war aber viel größer. Unendlich viel größer.

 

Obwohl Johanna Helenes Putzhilfe gestern zum ersten Mal gesehen hatte, erkannte sie Angelika Fleiß sofort. Sie lag halb auf der Seite, so dass Johanna ihr Gesicht zunächst nicht sehen konnte, in seltsam entspannter Haltung, als hätte sie sich auf einer Sommerwiese ausgestreckt, um sich ein wenig auszuruhen.

 

Was macht sie denn da?, dachte Johanna. Warum liegt sie denn da auf dem Boden? Dafür ist es doch jetzt im Herbst viel zu kalt! Warum ist sie nicht ins Haus gekommen, so wie gestern auch?

 

Dann dachte sie: Sie war auf dem Weg zu mir, hatte einen Schwächeanfall und ist zusammengebrochen. Etwas mit dem Herzen, wie Tante Helene.

 

Doch war sie dafür nicht eigentlich viel zu jung?

 

Sie ging in die Hocke und berührte Angelika Fleiß ganz leicht an der Schulter.

 

Keine Reaktion.

 

©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke