Sigrun Casper: Unterbrochene Schienen

Leseprobe


Aus der Geschichte "Das Pressecafé"

Waren die Tische rund, waren sie viereckig, lagen weiße Decken darauf? Vier Gäste passten an einen Tisch. Es war fast unmöglich, von woanders einen fünften Stuhl heranzuziehen. Die Stühle waren aus dunklem Holz, ihre Sitze mit Stoff bezogen, die Lehnen gepolstert. Oder standen da Holzstühle, die sich stapeln ließen? Hingen Kronleuchter von einer stuckverzierten Decke, Bilder an den Wänden? Waren darauf Stillleben, Landschaften oder Porträts von wahrheitsliebenden Zeitungsmenschen zu sehen? Die Fenster waren schmal und hoch, die nikotingefärbten Stores zur Seite gerafft. Aus dem Gesumm verschiedener Sprachen und dem Klappern von Geschirr löste sich ab und zu ein Lachen. Die Presseerzeugnisse, die dem Café seinen Namen gaben, sprachen nur eine einzige Sprache, Lachen kam darin nicht vor. In Holzschienen geklemmt hingen sie an einem Garderobenständer wie schlappe Fahnen.

 

Eine S-Bahn fuhr ein und fuhr wieder ab, man hörte das grummelnde Geräusch der fahrenden Bahn. Ich schob mich durch die Drehtür und war woanders. Oder trat ich durch den Spalt eines Vorhangs aus grünem Filz auf diese Bühne aus Gesichtern, Blicken, Stimmen und Zigarettenrauch? Nicht nur ich, alle Ein- oder Auftretenden hielten vor dem Eingang inne, reckten blinzelnd den Hals und strebten dann einem freien Stuhl zu. Kellnerinnen mit runden weißen Schürzchen und Kellner in Schwarz jonglierten schwer beladene Tabletts durch die Enge zwischen den Tischen. Die Gäste aßen, tranken, redeten, lasen Zeitung, rauchten Zigaretten, winkten der Bedienung wie Gäste in jedem anderen Café, doch hier lächelten fremde Leute einander an und fingen an zu reden. Das Lachen schallte über die Tische hinweg durch die Luft, am Nachmittag, wenn niemand mehr als zwei Gläschen Cognac oder ein, zwei Glas Wein intus hatte.

 

Draußen auf der Friedrichstraße gingen Leute ernst und in Eile vorbei, so eilig, ernst und versteckt, wie auch ich mich da draußen gab. Hier drinnen, nur durch die Scheiben der hohen Fenster von ihnen getrennt, sah ich mich neugierig um, und wenn ich im Gespräch mit einem mir unbekannten Menschen etwas komisch fand, lachte auch ich unbekümmert los. Mein Lachen klang mir weder gequält noch übertrieben und was ich sagte, war einfach, es war unverstellt von Geboten. Ich nahm keine Hand vor den Mund, wenn ich Kritik oder Begeisterung über das Leben von mir gab. Es war ja mein Leben. Aus dem einengenden Allerweltskostüm war ich in ein Kleid geschlüpft, dessen Schnitt und Stoff mir passten. Ich war auf einmal die, die ich gerne wäre, und ich übte mich mit mir.

 

(...)

 

Einer dieser beiden Stammgäste war ein strammer Mann Anfang, Mitte dreißig, Trenchcoat, Anzug und Krawatte, im Außenhandel tätig, Raucher stinkender filterloser Zigaretten. Von der zweiten Gegenüberstellung an begrüßte er mich mit Handschlag. Sein Interesse an mir war mir unangenehm und schmeichelte mir. Nach seinen Fragen meine Arbeit, Interessen und Befindlichkeiten betreffend schob er Kopf und Stuhl näher zu mir heran. Seine Stimme nahm einen vertraulichen Ton an. Es ging nun um meinen Freund und mich, das Ost-West-Paar. Ob wir uns gut verstünden, ob wir wirklich glücklich wären, wollte er wissen. Er fragte mich aus, als wollte er mich von Pete abwerben. Erstaunlich, wie er Mimik und Körpersprache sofort auf freundliche Beiläufigkeit umstellte, sobald das Objekt seiner Fragen am Tisch auftauchte. Pete, der die Funktion des Anzugträgers von Anfang an durchschaut hatte, spielte wortreich den Ahnungslosen. Ungefragt verriet er dem Spitzel, dass wir einander über die Mauer hinweg liebten und heiraten wollten. Da Eheschließungen mit Angehörigen von Nato-Staaten untersagt waren, wüssten wir nur nicht, wie. Den Kopf schräg gehalten, lauschte der Mann den Bekenntnissen meines Freundes. Dabei setzte er das einverständliche Kopfnicken ein, das man in Fernsehübertragungen von Volkskammersitzungen an allen eifrigen Genossen beobachten konnte.
Als mich der eifrige Genosse zwischen Weihnachten und Neujahr, wenige Tage vor meiner Flucht, alleine wartend erwischte, schob er grußlos den Stuhl sofort näher zu mir heran. Er hätte eine Neuigkeit für mich. Für ihn als Angestellten des Außenministeriums wäre es ein Kinderspiel, mir zur garantiert sicheren Einreise in den Westen zu verhelfen. Als ich die Augen verdrehte, rückte der hilfsbereite Genosse heraus, dass allerdings mit dem Erfolg des Unternehmens eine Bedingung verknüpft sei, als Honorar sozusagen. Ich begriff. Scheißkerl, dachte ich. Die einzige Möglichkeit, der Falle zu entgehen, war, kein Wort mehr zu sagen ...

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke